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„Der Fürsprecher“ – Hinrich Janssen Sundermann und sein „Revolutionsblatt“ als Beilage zum ostfriesischen Amtsblatt 1848

Eine interessante kurzlebige Blüte auf der reichen Wiese der ostfriesischen Publikationen des 19. Jahrhunderts ist der „Fürsprecher“. Eine Zeitschrift, die 1848 bei der Druckerei Zopfs in Leer produziert wurde und nur zwei Ausgaben als Beilage im Ostfriesischen Amtsblatt erlebt hat. Herausgeber ist der vielseitig begabte, aber vornehmlich autodidaktisch gebildete Heseler Dorfschullehrer Hinrich Janssen Sundermann (1815-1879), der den Ostfriesen vor allem als Reformpädagoge und Organisator des ostfriesischen Lehrerstandes im Gedächtnis geblieben ist. Sundermann war aber als Publizist und Herausgeber auch einer der führenden politischen Köpfe der Revolution des Jahres 1848 in der Region. Er wurde vor allem zum Sprachrohr der Kleinbauern und Kolonisten.

Sundermann hatte keinen bildungsbürgerlichen Hintergrund, sondern stammte wie die meisten seiner Kollegen an den Dorfschulen aus sehr einfachen ländlichen Verhältnissen. Deshalb setzte er von Beginn seiner Laufbahn an auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Er warb für regionale Zusammenschlüsse in selbstorganisierten „Konferenzen“ der Dorflehrerschaft, um gemeinsam durch Lektüre und Übungen den allgemeinen Ausbildungsstand zu heben. Er legte auch den Grundstein zur Vereinigung in der „Ostfriesischen Lehrer-Union“ und 1848 zur Gründung des ostfriesischen Provinzialvereins als Teil des „Central-Vereins der Volksschullehrer im Königreich Hannover“. 1846 nahm er die lange geplante Herausgabe der Zeitschrift „Der Lehrer-Schriftwechsel“ als Vereinsblatt auf, womit ein öffentliches Forum für den fortschrittlichen Teil der ostfriesischen Dorflehrerschaft geboten wurde.

1847 griff Sundermann – über seinen traditionellen Wirkungskreis in der Lehrerschaft hinaus – erstmals allgemeingesellschaftliche Themen auf. Zur Hebung der allgemeinen Volksbildung im christlichen Sinn gab er den „Friesenfreund, ein Blatt für das Leben und aus dem Leben des Bürgers und Landmanns“ heraus. Und 1848 begeisterte er sich für „Freiheit! Gerechtigkeit! Wahrheit!“.

Sundermann trieb im Revolutionsjahr die Idee der ostfriesischen Volksversammlungen des Dritten Standes in der Tradition der Treffen am Upstalsboom voran, die auch in einer Serie von Ostfriesland übergreifenden „patriotischen Versammlungen“ in Eschen bei Aurich mündeten, wo auch politische und gesetzgeberische Maßnahmen zur Minderung der Not der Kleinbauern und Kolonisten gefordert wurden. In Hesel hatte Sundermann das Elend der Kolonisten vor Augen. Er förderte die Selbstorganisation in Kolonistenversammlungen in Firrel und Schwerinsdorf und einen vereinten Marsch der Kolonisten Ende März 1848 zum Amtmann nach Stickhausen und zum Domänenpächter auf Kloster Barthe.

Vor diesem Hintergrund ist die Herausgabe des „Fürsprechers“ zu sehen, dessen erste Nummer als kostenlose Beilage mit dem Amtsblatt für die Provinz Ostfriesland vom 23. Mai 1848 verteilt wurde. Sundermann macht sich mit dem „Fürsprecher“ zum Anwalt, Vorkämpfer und Verteidiger der Interessen der ländlichen Unterschicht. Das Blatt ist der erste Versuch, in Ostfriesland deren soziale Nöte öffentlich zu diskutieren.

Hinrich Janssen Sundermann (1815-1879) (Bildarchiv – Ostfriesische Landschaft)

Sundermanns Vorwort zum Fürsprecher beginnt mit dem Spruch „Das Licht ist das Weltgericht!“, womit er in seiner typisch idealistisch überhöhten Ausdrucksweise sagen will, dass erst mit der neu zugelassenen Pressefreiheit Öffentlichkeit und damit auch kritische Betrachtung und Wahrheitsfindung ermöglicht werden: „Die Öffentlichkeit straft das Böse, hebt es auf und verhindert es; macht auch das Gute allgemein und fördert dasselbe, weckt Vertrauen, nährt und befestigt es.“

„Der Fürsprecher“ sollte nach Sundermanns Vorstellung in unbestimmten Abständen unentgeltlich als Beilage zum Amtsblatt erscheinen, um eine weitestmögliche Verbreitung in Ostfriesland zu ermöglichen. Zunächst sollte hier aber „nichts besprochen, sondern nur einfach mit Thatsachen vor’s Volk getreten“ werden. Die abgedruckten Beiträge würden auf „Missbräuche, Ungesetzlichkeiten, Ungerechtigkeiten, Bedrückungen und Lasten hinweisen und auf alles, was Abhilfe schaffen“ könnte. Die Autoren durften anonym bleiben, mussten der Redaktion aber namentlich bekannt sein. So wollte Sundermann eine „moralische Macht“ zur Abstellung von sozialen und gesetzlichen Übelständen erzeugen, an denen man sich auf anderer Ebene – mit Petitionen aus den Volksversammlungen – vergeblich abarbeitete.

Der Druck des „Fürspechers“ verursachte Kosten. Für die Finanzierung schlug Sundermann vor, dass die Einsender selber für die Veröffentlichung ihrer Beiträge eine geringe Gebühr zahlten. Die erste Ausgabe hatte noch ein „Herr von …n“ durch die Spende eines Reichstalers ermöglicht. Damit konnten die Druckkosten des achtseitigen Hefts aber nicht gedeckt werden, und Sundermann steuerte den Rest aus eigenem Budget bei, bat aber um weitere Spenden.

Thema des ersten Hefts war der Abdruck des preußischen Urbarmachungsedikts, „das die Ostfriesen sich haben aufdringen lassen“. 83 Jahre sei es „in Anwendung gebracht, ohne die Zustimmung der Ostfr.[iesischen] Stände und also Gültigkeit zu haben.“ Mit dem Abdruck wollte er den Geestbauern und Kolonisten Zugang zu der rechtlichen Basis verschaffen, auf der der Staat – nach Ansicht Sundermanns widerrechtlich – Ansprüche auf Land in den zu teilenden Gemeindeweiden erhob. Zugleich verband der Heseler Lehrer damit die Forderung auf Abschaffung oder Modifikation des seiner Meinung nach ohnehin schon immer nur mangelhaft umgesetzten Edikts.

Titelblatt der ersten Ausgabe des „Fürsprechers“, Mai 1848

Die zweite, nur halb so umfangreiche und zugleich letzte Ausgabe des Fürsprechers vom Juni 1848 war dem Amtsblatt für die Provinz Ostfriesland vom 20. Juni 1848 beigelegt. Im Hauptartikel wird zunächst das Protokoll der Ständischen Verhandlungen in Aurich im Mai 1848 kommentiert und den Ständen von einem führenden Teilnehmer der Eschener Volksversammlung das Misstrauen ausgesprochen.

Die in vielen Aspekten immer noch christlich-konservative Grundhaltung Sundermanns wird mit dem Abdruck eines zweiten Beitrags des „Fürsprechers“ deutlich. Unter der Überschrift „Ein Wort über Judenemanzipation“ macht ein anonymer Autor deutlich, dass man zwar nichts gegen „Religionsfreiheit“, wohl aber etwas gegen die völlige gesetzliche und politische Gleichstellung der Juden einzuwenden habe. Denn der Staat an sich sei ein christlicher Staat und die Kluft zum Judentum darin unüberbrückbar.

Sundermann scheiterte mit seinem Anliegen, die ländlichen Unterschichten mit dem „Fürsprecher“ zu mobilisieren und zu politisieren. Sein zentraler Themenbereich der staatlichen Missverwaltung in Kolonistensachen wird am Ende der ersten Ausgabe mit nur sechs kurzen Beispielen angesprochen und auch in der zweiten Folge in nur drei kleinen Abschnitten zur Sprache gebracht. Damit war zugleich auch das Finanzierungsmodell für diese Publikation gescheitert. Sundermann fehlten die engagierten Autoren, die am Ende auch noch Geld für den Abdruck ihrer Beiträge bezahlen wollten.

Das Heft fand also keine Fortsetzung, wohl aber die Aktivitäten der Revolutionsanhänger, die sich in Ostfriesland nicht weiter in öffentlichen Versammlungen, sondern in vielen Vereinen zusammentaten. Nach erfolglosem Versuch zur Gründung eines allgemeinen „Hülfsvereins“ („Vereintes Wollen richtet mehr aus, als vereinzeltes. […] Eintracht giebt Macht und ist Macht.“) konnte auch Sundermann mit Gleichgesinnten Anfang 1849 in Schwerinsdorf einen „Ostfriesischen Landverein“ gründen, der im Raum Hesel noch bis Ende 1850 Bestand hatte.

Seit 1849 war Sundermann sich zunehmend seiner Opposition zum politischen System bewusst geworden. 1851 bezeichnete er sich zum ersten Mal als links. Sein öffentliches politisches Wirken wurde im Zuge der Restauration immer mehr Einschränkungen unterworfen. Nachdem das Erscheinen des „Fürsprechers“ und auch des „Friesenfreunds“ 1848 mangels Erfolg eingestellt werden mussten, brach auch der erst Ende 1848 gegründete Lehrer-Provinzial-Verein wieder auseinander, und die Mitgliederzahl des Lehrer-Schriftwechsel-Vereins nahm stark ab. Ständige Auseinandersetzungen mit seinem Vorgesetzten Pastor Heß in Hesel boten den Behörden 1851 einen Vorwand, den politisch Missliebigen wegen „Mißachtung der Amtsehre“ zu zwei Wochen Gefängnis im Leeraner Stadtgefängnis zu verurteilen. Auch wenn seine Rückkehr aus Leer nach Hesel zu einem auch politischen Triumphzug wurde, bedeutete diese Strafe doch zugleich das Ende der politischen Karriere des Dorfschullehrers.

Literatur:

– Gebhard Löning, Hinrich Janssen Sundermann, in: Ostfriesisches Schulblatt 4, 1962.
Paul Weßels, „Eine unaussprechlich saure Laufbahn…“. Der Reformpädagoge Hinrich Janssen Sundermann (1815-1879) in seinen Heseler Jahren, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 76, 1996/97, S. 110-145.
– Paul Weßels, [Art.] Sundermann, Hinrich Janssen, in: Martin Tielke (Hrsg.) Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. 2, Aurich 1997, S. 359 – 362.
– Paul Weßels, „Associiren, Agitiren, Queruliren, Petitioniren, Mitregiren“. Die Geschichte der Volksversammlungen in Eschen während der Jahre 1848/49, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 79, 1999/2000, S. 211-232.

Paul Weßels

(Red. MH)


Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/305

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