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SILOMON

Margarete Cramer: Von der Unternehmergattin zur Unternehmerin. Ein Auricher Frauenleben im Wandel

Ein Gastbeitrag von Laura-Sophie Bönemann

Konflikte und Neustrukturierungen markieren das frühe 20. Jahrhundert als zentrale Phase gesamtgesellschaftlicher Umbruchs- und Modernisierungsprozesse. Nach dem Ersten Weltkrieg, der die bis dato bestehende kollektive Ordnung erschütterte und als Katalysator eines ubiquitären Wandlungsdrucks fungierte, verblieben revolutionäre Gedanken und eine neue demokratische Aufbruchsstimmung. Neben Institutionen, Identitäten und Idealen drängten „traditionelle“ Familienstrukturen und Rollenbilder nach Veränderung, wodurch mit dem erreichten Frauenwahlrecht 1918, sowie Reformen der Frauenbildung und Erwerbstätigkeit, Angelpunkte der Emanzipationsgeschichte in diese Zeit fallen. War es bis Kriegsbeginn gerade im Mittel- und Großbürgertum noch selbstverständlich, dass der Erwerb des Patriarchen die Versorgung der Familie gewährleistet, während die Frau ihren „häuslichen Pflichten“ nachging, galt es nach Einzug der wehrfähigen Männer deren Erwerbslücke auszufüllen, um Kriegsversorgung und Infrastruktur an der „Heimatfront“ abzusichern.

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Abb. 1: Fotografie der jungen Margarete Aden, aufgenommen im Atelier des Fotografen J.B. Feilner in Hannover, 1902 (aus: Musolf, Rüdiger, Gerhard Silomon. Geschichte eines Textilhauses, Aurich 1994, S. 57).

Auf den Straßen des kaiserzeitlichen Deutschlands waren nun vermehrt Frauen in Schaffneruniformen und Schornsteinfegerkluft anzutreffen. Mehr als um das Resultat einer real ansteigenden weiblichen Berufstätigkeit, handelte es sich hierbei jedoch eher um eine Diffusion zwischen den stereotypen Tätigkeitsfeldern: Frauen, die bereits zuvor in bis dahin vorwiegend Frauen vorbehaltenen Bereichen wie der Hauswirtschaft oder der Kinderbetreuung gearbeitet hatten, waren gezwungen, in die männlichen Arbeitsbereiche, wie die Fabrikarbeit, einzudringen. Dies waren – neben den Frauen in den landwirtschaftlichen Betrieben, die häufig eigenständig die Höfe führen mussten – vor allem Frauen der Arbeiterschicht, deren ursprüngliche Anstellungen in der Kriegszeit wegfielen und die für ihr Überleben erwerbstätig bleiben mussten. In finanziell besser aufgestellten Familien des Bürgertums behielten die Frauen in der Regel ihre ihnen nach der patriarchalen wilhelminischen Familienordnung zugewiesene Rolle als Mutter und Ehegattin im eigenen Haushalt bei.1 Eine interessante Ausnahme stellte die Situation in den mittelständischen Unternehmerfamilien dar. Obgleich auch hier die Frauen bis 1914 zumeist nicht berufstätig waren, kam ihnen nach Kriegsbeginn oftmals die Führung des jeweiligen Unternehmens zu. In Abwesenheit ihrer Ehemänner mussten sie nunmehr ohne oder nur mit geringer kaufmännischer Vorkenntnis den Fortbestand der familiären Lebensgrundlage garantieren.

Margarete Cramer

Eine dieser Frauen war Margarete Cramer, die während des Krieges in Stellvertretung ihres Ehegatten, Hugo Cramer, die Leitung des Geschäfts „Silomon“ in Aurich übernahm. Diverse Ego-Dokumente und Korrespondenzen aus dem Depositum der Familie im Niedersächsischen Landesarchiv Abteilung Aurich geben heute Aufschluss darüber, wie sich das Leben der jungen Frau zwischen den neuen unternehmerischen Aufgaben und den alten familiären „Verpflichtungen“ im gesellschaftlichen Wandel der Kriegsjahre gestaltete.2

Bis 1914 lebte Johanne Margarete Cramer, geb. Aden, das vermeintliche „Ideal“ eines wilhelminischen Lebensentwurfs für die bürgerlich-mittelständige Frau. 1885 geboren, wuchs sie als Tochter eines Auricher Weißwarenhändlers in guten Verhältnissen auf.3 In einem Tagebuch hielt das Mädchen von 1901 bis 1903 ihre Jugenderfahrungen und Gefühlswelt in dieser Phase fest. Angefangen mit ihrer ersten größeren Reise nach Hannover thematisiert sie ihre Freizeitgestaltung, darunter begeistert beschriebene Besuche in der Oper sowie diverse andere Kulturveranstaltungen.4 Gerade die Opern und Schauspiele schienen die musikaffine „Grete“ begeistert zu haben. Die letzten Seiten des Tagebuches sind einer Liste mit gesehenen Stücken und ihren Komponisten, bzw. Autoren, gewidmet.5 Zuhause in Aurich nahm sie innerhalb ihres Freundeskreises an kleinen „Kränzchen“, Tanzstunden und Bällen teil, lud zum Kaffee, musizierte oder flanierte durch die städtischen Gehölze wie Egels oder Sandhorst.6

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Abb. 2: Margarete Adens Tagebuch, 1901-1903, hier zu sehen: Eintrag vom 16.10.1901 (NLA AU Dep. 95 Nr. 62).

Das verstärkte Interesse an der Kultur und dem „Gesellschaften“ entspricht dabei der „charakteristisch-bürgerlichen Lebensweise“, die sich seit dem 19. Jahrhundert mit zunehmender Etablierung des deutschen Bürgertums herausgebildet hat. Wie Jürgen Kocka die Eindrücke von Johann Caspar Bluntschli, einem Schweizer Rechtswissenschaftler und Herausgeber des „Deutschen Staatswörterbuchs“, zum identifikatorischen Lebensstil des Bürgertums (in Abgrenzung zu den „unteren“ gesellschaftlichen Schichten) um 1860 zusammenfasst, „[seien] [i]m Geiste der Wissenschaft und des klassischen Altertums […] die einen erzogen, durch die Teilnahme an den geselligen Kreisen der städtischen Kultur und den Genüssen der gebildeten Welt die anderen. Das begründe ähnliche „sociale Bildung“ und ähnliche Bedürfnisse.“7

Gerade die Bildung nahm dabei im Vergleich zur Arbeiterschicht eine abgrenzende Position ein, wobei sich (gemäß der vorherrschenden Rollenbilder) die Bildung von Mädchen und Jungen um 1900 trotz sich anbahnender Reformen noch deutlich unterschied. Eröffneten ab 1893 auch erste Mädchengymnasien mit einem berufs- und schließlich (mit der sukzessiven Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten nach der Jahrhundertwende) universitätsvorbereitenden Qualifikation, hielt das konservativen Bürgertum noch vielfach an der „traditionellen“ Ausbildung der Frauen in vorzugsweise „höheren“ Töchterschulen mit anschließendem auswärtigen Pensionat fest.8 In einer solchen Töchterschule sollte auch Margarete Aden für ihr weiteres Leben vorbereitet werden.9 Ein Blick in die Stundenpläne der „Höheren Töchterschule zu Aurich“ gibt Aufschluss darüber, wie sich der Unterricht junger Mädchen um die Jahrhundertwende gestaltete. Neben den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Rechnen, Religion, Geografie und Geschichte, standen insbesondere Handarbeit, Stricken, Singen und Zeichnen auf dem Lehrplan.10 Erscheint die Fächerauswahl zunächst breit aufgestellt, ist doch zu erkennen, dass das „traditionelle“ Rollenbild der Hausfrau, Mutter und Ehegattin nicht aus dem Fokus geriet. Dafür spricht auch die für das wilhelminische Bürgertum charakteristische Fortführung der Ausbildung in einer Mädchenpension. Margarete Aden besuchte die „Bildungsanstalt“ der Emma Kaiser in Einbeck,11 wo „Anstandsunterricht“ und die Vorbereitung auf eine spätere Haushaltsführung erfolgte.

Zwar waren sowohl der Besuch der „höheren Töchterschule“ als auch eine Beschäftigung mit Kultur und die individuelle Weiterbildung der Frauen im bürgerlich-wilhelminischen Bildungsidealismus gerne gesehen, jedoch ging es vordergründig ­­– und auch im Hinblick auf eine „standesgemäße“ Heirat darum, die identifikatorischen Merkmale des bürgerlichen Lebensstils zu erfüllen.12 Weiterführende Frauenbildung blieb eine private Angelegenheit, der auch die junge Auricherin in ihrer Freizeit nachging. So erlernte sie von einem Gymnasiasten Stenographie und hörte Vorträge des „Wissenschaftlichen Vereins“ zu Astronomie und Geographie.13

Das Ehepaar Hugo und Margarete Cramer

Im Alter von 26 Jahren heiratete Margarete Aden schließlich den Kaufmann Heinrich Hugo Cramer (genannt Hugo Cramer), welcher 1911 das Auricher „Manufaktur-, Modewaren- und Konfektions-Geschäft der Firma Gerhard Silomon“ vom damaligen Inhaber Hildebrand Silomon übernahm.14 Nach der Verlobung im März 1912, wurde das Paar am 29. August in der Lambertikirche in der Auricher Innenstadt getraut.15 Eine erhaltene Menükarte lässt Schlüsse zum Ausmaß der „standesgemäßen“ Feier im Edel-Hotel „Piqueurhof“ zu: Gereicht wurde u.a. Krebs-Suppe, Steinbutt, Kalbsschnitzel, Rehbraten und Pfirsich-Eis, dazu die Weine Beychevelle St. Julien und Erdener.16 Geschäftlich lief es für Hugo Cramer nach dem ersten Jahr seiner Unternehmensleitung sehr erfolgreich: „Silomon“ stand als Auricher „Traditionsgeschäft“ auf soliden Füßen und dem neuen Leiter, selbst ehemaliger Lehrling und Mitarbeiter, war das Haus und dessen Potenzial vor der Übernahme gut bekannt.17 Finanziell war die Situation der Familie Cramer bis 1914 offensichtlich so stabil, dass bereits über Umbaumaßnahmen am Geschäftshaus nachgedacht wurde.18

Margarete Cramrs Geschäftsführung bei „Silomon“ während des Ersten Weltkriegs

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Hugo Cramer zunächst auf Borkum, dann in Frankreich eingesetzt.19 Seine Frau blieb derweil mit dem gemeinsamen Kind und dem Unternehmen in Aurich zurück. Viel Zeit zur Vorbereitung einer Übergangsleitung dürfte dem Paar im Hinblick auf die rasante Eskalation der politischen Verhältnisse nicht geblieben sein. Eine Urkunde des Auricher Notars Justus Steinbömer vom dritten August 1914 belegt, dass Margarete Cramer etwa eine Woche nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien eine Geschäftsvollmacht erhielt.20 Hatte ihr Ehemann über Jahre hinweg im Kaufmannswesen gelernt und Erfahrung in der Unternehmensführung erworben, stand die junge Frau, zu diesem Zeitpunkt erneut schwanger, in einer emotionalen und wirtschaftlichen Krisenzeit gänzlich unerfahren vor ihren neuen Aufgaben. Dabei waren nicht allein das Geschäft als finanzieller Grundstock durch Krieg und Krise, oder durch potenzielle Fehlentscheidungen der neuen Leiterin gefährdet, sondern auch der Haupternährer, bzw. die „Spitze“ des wilhelminischen Familien-Ideologems, im Kriegseinsatz.

Ähnliche Bedrohungssituationen stand ein Großteil der deutschen Frauen gegenüber. Warnten im Rahme der Frauenrechtsbewegung Vereine wie der 1865 gegründete „Allgemeine deutsche Frauenverein“ bereits im 19. Jahrhundert vor zunehmender Frauenarmut und der Notwendigkeit einer selbstständigen Versorgung der Frauen,21 förderte das Kriegsgeschehen die Probleme des patriarchalen Systems auch in privilegierteren Kreisen, wie dem Bürgertum,  zu Tage. Frauen aus bürgerlichen Familien, die „auf die Ansprüche eines späteren Ehemannes hin erzogen [wurden]“22, mussten sich erstmalig mit einer Ungewissheit über ihre familiäre Ordnung und ggf. finanziellen Sorgen auseinandersetzen. In dieser für Margarete Cramer vermutlich psychisch schwer belastenden Situation schreibt sie anlässlich des Geburtstags der Tochter Charlotte im September 1914 an ihren Mann: „[…], du Einziger, Gott erhalte dich uns, mein Lebelang[sic] will ich es ihm danken. […] Wie manches wertvolles Leben wird vernichtet, es ist zu bitter hart, mag der Tod für das Vaterland auch der schönste sein, aber lauter bleichende Menschen sind es, wie viel Mütter u. Frauen werden schon weinen.“23

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Abb. 3: Das Geschäftshaus „Silomon“ in der Auricher Innenstadt, 1914/15 (NLA AU Dep. 95 Nr. 18)

Bei „Silomon“ arbeiteten zu diesem Zeitpunkt neben einem Lehrling und einem Laufburschen nur noch Frauen. Die Neu-Unternehmerin musste sich, postalisch beraten durch ihren Mann und unterstützt vom Vater und der leitenden Verkäuferin, in ihre ungewohnte Position einfinden.24 Schließlich stand sie im Spannungsfeld zwischen den „alten Pflichten“ ihrer „traditionellen“ Rolle als Mutter und Ehegattin, in welcher sie sich nach dem damaligen „Frauenideal“ des konservativen Bürgertums bescheiden und sanftmütig zeigen sollte, sowie ihrer neuen Leitungsfunktion, welche ihr Härte und Standhaftigkeit abverlangten. Dass sie dies durchaus konnte, zeigte sich schon kurz nach Hugo Cramers Einberufung in einer Auseinandersetzung mit dem Magistrat der Stadt Aurich. Im Kontext der angedachten baulichen Umgestaltung des Geschäftshauses kam es zum Streit wegen zehn Zentimetern, welche die neuen Schaukästen über die Bau-Fluchtlinie in die Straße hineinreichten. Am 7. Oktober mahnte der Magistrat in einem an „Herrn Kaufmann Cramer“ gerichteten Schreiben, dass die Schaukästen „wieder beseitigt werden [müssten]“ und untersagte gleichzeitig ein Fortsetzen der Umbauarbeiten.25 Nur einen Tag später erreichte Margarete Cramer ein nunmehr an sie gerichteter Brief, der deutlich drohend über die Einleitung eines Strafverfahrens gegen sie informierte.26 Margarete Cramer blieb nicht nur standhaft, sondern setzte sich offenbar auch entgegen der Erwartung des Magistrats aktiv gegen die Behörde zur Wehr. Sie reichte schriftlich Beschwerde ein und konnte die Auseinandersetzung letztlich in ihrem Sinne lösen.27

Gleichzeitig stand die Auricherin auch privat vor großer Arbeitsbelastung und zwischenmenschlichen Herausforderungen. Immerhin verflossen – nicht zuletzt auch innerhalb ihrer Ehe – die Grenzen zwischen ihrer ursprünglichen Rolle als Verwalterin des „Inneren“, also insbesondere des Familiären, und ihrem jetzigen Platz im „Äußeren“, d.h. als Geschäftsfrau.28 Gewiss versuchte sie, gemäß den appellierenden Worten Kaiserin Auguste Victorias, den „Gatten, Söhnen und Brüdern den Kampf leicht zu machen“29 und Hugo Cramer das Gefühl zu geben, das Unternehmen wäre unter ihrer Führung sicher. Sie schrieb ihm im August 1918: „Ich arbeite ohne Unterbrechung, […].“30 und „Herr Knorrs [ein Kunde] sagte, er hatte morgens einen Streit gehabt mit Anna u. Schwiegermutter, die so gestöhnt hätten über alles. Da wäre er ganz entrüstet gewesen u. hätte gesagt, sie sollten mal an Frau Cramer denken, die mit dem großen Geschäft, Haushalt u. Kindern schon so lange allein säße. Ulkig nicht?“31

Mit Seitenblick auf den antifeministischen Diskurs, der sich in der Kriegszeit u.a. aus der ausgedehnten Selbstständigkeit und dem Bedeutungszuwachs der Frauen in der Heimat bei gleichzeitigem Leid und Sterben der Männer an der Front (als in einigen Gesellschaftsteilen wahrgenommene „dolchstoßhafte“ Demontage der „alten“ Ordnung und „Krise der Männlichkeit“) verstärkt manifestierte,32 fällt auch ein offenkundiges Bemühen Margarete Cramers auf, ihrem Ehemann nicht das Gefühl zu geben, als Unternehmer oder Familienoberhaupt obsolet zu werden. Im ständigen Briefwechsel hielt sie ihn in allen geschäftlichen und privaten Belangen auf dem Laufenden.33 Ganz dem Bilde der „fürsorglichen“ Frau angepasst bemühte sie sich unverkennbar, ihn weiterhin als offiziellen Leiter von „Silomon“ zu bestätigen. Bezüglich (vor allem positiver) geschäftlicher Entwicklungen, wirkte sie bedacht, stets das plurale „wir“ zu nutzen („Lieb, die Sachen sind zum größten Teil schön, wir werden gute Abnehmer finden.“).30 Sie unterstrich die Relevanz seines Urteils über ihre Arbeit („Du kannst nun ganz ruhig fort sein, brauchst dich garnicht sorgen. Ich war so froh, daß Du mit allem so zufrieden warst, Lieb.“)34 und definierte ihre Beweggründe in seinem Sinne („Froh u. leicht ist mir alle Arbeit, wenn ich an dich denke, der Du mir so unendlich viel bist und mir so viel giebst[sic].“).35 Hugo Cramer selbst nahm seine Position im Unternehmen (nach der Korrespondenz zu urteilen) offenbar nicht als durch seine Frau gefährdet wahr. Vielmehr verlieh er seiner Bewunderung über die gute Geschäftsführung von „Silomon“ unter Margarete Cramers Leitung Ausdruck: „Froh bin ich auch stets über den guten Verlauf des Geschäfts, dem ich anfangs mit Sorge entgegensah. Gretelein hat das Ruder kräftig in der Hand […].“36

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Abb. 4: Feldpostbriefe der Eheleute Cramer (NLA AU Dep. 95 Nr. 31).

Die Entwicklung des Unternehmens wirkte im Kontext der schwierigen Wirtschaftssituation und kriegsbedingter Versorgungsprobleme durchaus beachtlich, wenn sie auch mit Vorsicht betrachtet werden muss. Rüdiger Musolf offeriert in seinem Werk „Gerhard Silomon. Die Geschichte eines Textilhauses“ (1994) einen ausgiebigen Überblick über den Fortgang des Geschäfts vom 19. bis in das späte 20. Jahrhundert. Für die Zeit unter Margarete Cramers Leitung von 1914 bis 1918 vermerkt er: „Die Umsätze hatten im Jahre 1914, […], mit insgesamt 150.377,20 Mark einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. 1915 gingen sie auf 146.439,38 Mark zurück und stiegen in den folgenden Jahren auf 184.274 (1916), 190.626 (1917) und schließlich 220.867 Mark (1918) an. Derart hohe Summen waren noch in keinem Jahre zuvor eingenommen worden.“37

Allerdings deutet Musolf auf die fortschreitende Inflation in Deutschland hin, die in der Interpretation der Zahlen Berücksichtigung finden müsse. Tatsächlich finden sich in der Korrespondenz immer wieder Hinweise auf unnatürlich gestiegene Preise („16.80 kostet der Spaß, ich bin ganz entsetzt.“),38 aber auch auf die zunehmende Verknappung der Waren, die eine Preissteigerung bedingten („Ware wäre knapp u. nichts zu bekommen, Preise hätten eine enorme Höhe erreicht […].)39 An einer effektvollen Unternehmensführung der jungen Frau lässt aber auch der Faktor „Inflation“ wenig Zweifel. Mit kaufmännischem Geschick versuchte sie die Kauflust der Auricher auch in der Krise weiter anzuregen. So schreibt sie am 26. Juni 1918 an ihren Ehemann: „Wir haben ein Fenster mit billigen Sachen, alte weiße Blusen u. alte seidene Blusen, ältere Mäntel. Es ist immer belagert.“40 Lassen ihre euphorischen Schilderungen über die zunehmenden Umsatzzahlen („Es ist doch kolossal.“)41 eine gewisse Naivität gegenüber inflationären Symptomen vermuten, war sich Margarete Cramer diesem Problem und dessen Konsequenzen fraglos bewusst. Durch Immobilien- und Sachwerterwerb sicherte sie einen Teil des Familienvermögens ab,42 präzise stellt sie fest: „Grundstücke sind eigentl. das Wertvollste, da ein großer Wohnungsmangel ist. Und, Lieb, die Stoffe werde so ungemein schlecht, das ich nur noch gutes kaufe, […].“43 Immer wieder fanden die Eheleute, deren Beziehung trotz jahrelanger Trennung (sicher auch durch den rücksichtsvollen Umgang miteinander innerhalb der Korrespondenz) ungestört schien, Wege, das „Beste“ aus der schwierigen Situation zu machen. Beispielsweise sendete Margarete Cramer ihrem Mann Geld zu, damit dieser in Belgien oder Frankreich für sie einkaufte. So konnte „Silomon“ wieder Waren anbieten, die sonst vor Ort nur noch schwer zu bekommen waren.44 Vor diesem Hintergrund schaffte es das Unternehmen unter Margarete Cramers Leitung durch die Kriegs- und Krisenzeit, so dass 1919 das 75-jährige Jubiläum gefeiert werden konnte.45

Geschäftsführung durch Margarete Cramer nach dem Ende des Ersten Weltkriegs

Mit Kriegsende und Demobilisierung endete vorerst die breite Frauenerwerbstätigkeit in den „traditionell-männlichen“ Bereichen. Viele Arbeiterinnen gingen in ihre vorherigen Berufszweige, wie die Hauswirtschaft, zurück und verschafften den zurückgekehrten Männern in den Fabriken, im Handwerk, etc. „Platz“. Auf den ersten Blick wirkten die alten Geschlechterverhältnisse nach einer, wie Ute Daniel es nennt, „Emanzipation auf Leihbasis“46 restauriert. Auch Margarete Cramer ließ ihrem Ehemann „selbstverständlich“ Ende 1918 den Vortritt im Unternehmen, schließlich stand für diesen schon im zweiten Kriegsjahr fest: „[Margarete] führt das Schiff gut, bis ich bald zur Ablösung wiederkehre.“36 Sowohl das Wirken der Frauen an der „Heimatfront“, wie auch die zeitweise Leitung des Unternehmens durch die jungen Auricherin, hinterließen jedoch tiefgreifende Spuren. Während in der Welle revolutionärer Aufbruchsstimmung das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt wurde, kam auch bei Cramers einer Mitsprache der Ehefrau im Familiengeschäft zentrale Bedeutung zu: Für den nach vier Jahren heimgekehrten Hugo Cramer war seine krisenerprobte Stellvertreterin unternehmerisch von nun an eine wertvolle Beraterin. Die Tatsache, dass er sie, wenn sie auf Reisen war, ähnlich über geschäftliche Entwicklungen, Tageseinnahmen, etc. informiert hielt, wie sie es bei ihm während des Krieges getan hatte,47 unterstreicht die Gewichtigkeit, die ihr Mann ihrem Urteil in geschäftlichen Belangen weiterhin zusprach.

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Abb. 5: Margarete Cramer (1940) (NLA AU Dep. 95 Nr. 18).

Nach dem frühen, krankheitsbedingten Tod Hugo Cramers im Jahr 1926 fiel das „Steuer“ bei „Silomon“ erneut Margarete Cramer zu.48 Und wieder kündigten sich der nun erfahrenen Geschäftsfrau in der wirtschaftlich-prekären Situation der Weimarer Republik, sowie später im Zweiten Weltkrieg, schwere Zeiten der unternehmerischen und privaten Sorge an. Die Auricherin, deren Söhne Wolfgang († 1942) und Wilhelm († 1945) beide an der Front fielen, führte und sicherte den Fortbestand des Geschäfts bis zu ihrem Tod in der jungen Bundesrepublik 1950.49 In einer Traueranzeige wird ihr Lebenswerk resümiert: „Mit fester Hand übernahm Frau Cramer die Leitung des umfangreichen Geschäftes und führte es, […], zu weiterer Entwicklung und großzügigem Ausbau.“50

Margarete Cramer etablierte sich über ihre Rolle als konservativ-bürgerliche Unternehmergattin (obgleich sie diese nie abzulehnen schien) hinaus zu einer in Aurich nicht zuletzt für ihre kaufmännischen Fähigkeiten hochgeschätzten Unternehmerin. Dieses „Durchbrechen“ der „traditionellen“ Rollenordnung korreliert mit einer Hochphase der aktiven Frauenrechtsbewegung, wie der revolutionären Aufbruchsatmosphäre, jedoch ist sie allein den Umständen der Zeit geschuldet. Es handelt sich hierbei also um das Phänomen einer „passiven Emanzipation“. Letztlich war es die Notsituation, die das Potenzial der jungen Frau offenlegte und sie über ihre vermeintlich vorgezeichnete Stellung als berufslose Hausfrau und Mutter hinauswachsen ließ. Im Sommer 1918 reflektierte sie in einem Brief an ihren Ehemann: „Ich denke so oft, wie köstlich doch mein Frauenleben ist, so ganz ausgefüllt ist es. Ich fühle stets wie sich alle meine Kräfte u. meine Gaben, die mir Gott gab, wie sie sich entfalten und blühen u. reifen. Täglich fühle ich es, daß ich an den rechten Platz gestellt bin, […]. Du u. die Kinder u. Dein Beruf jetzt, alles füllt mich so ganz aus und ich gehe in Euch auf.“51

Laura-Sophie Bönemann

(Red.: M.H. / P.W.)

  1. Vgl. hierzu Kruse, Wolfgang: Frauenarbeit und Geschlechterverhältnisse, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier „Der Erste Weltkrieg“ (06.05.2013), URL: https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/155330/frauenarbeit-undgeschlechterverhaeltnisse, zuletzt aufgerufen am 17.08.2021. []
  2. Niedersächsisches Landesarchiv (im Folgenden: NLA AU), Dep. 95. []
  3. Vgl. Musolf, Rüdiger: Gerhard Silomon. Die Geschichte eines Textilhauses, Aurich 1994, S. 56. []
  4. Vgl. Cramer, Margarete: Tagebuch (04.09.1901-07.04.1903), NLA AU Dep. 95 Nr. 62, Eintrag vom 04.09.1901 (o. S.), siehe auch Musolf, Gerhard Silomon, S. 57. []
  5. Vgl. Cramer, Tagebuch, o. S. (nach eigener Zählung, S. 136 ff.). []
  6. Ebd., u.a. Einträge vom 19.10.1901, 29.10.1901 und 19.06.1902, sowie Musolf, Gerhard Silomon, S. 58. []
  7. Kocka, Jürgen: Bürgertum und bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Europäische Entwicklungen und deutsche Eigenarten, in: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Bd. 1, München 1988, S. 26. []
  8. Rieken, Rieko: Einst Frauenzimmerschule – jetzt Realschule, in: Realschule Aurich (Hrsg.): Festschrift und Historische Chronik, Aurich 1999, S. 53. [44-62] []
  9. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 58. []
  10. Vgl. Acta des Königlichen Consistoriums zu Aurich betreffend den Lehr- und Leitungsplan der höheren Töchterschule zu Aurich, NLA AU Rep. 16/2 Nr. 1801, o.S. (Stundenpläne zu den Jahren 1897 bis 1902/3). []
  11. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 58. []
  12. Vgl. o. A.: Höhere Mädchenschulen, in: Kaiser und Vaterland. Das Geschichtsbild in Schulbüchern des Kaiserreichs (Studierendenprojekt der Abteilung Geschichtsdidaktik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel), URL: https://www.histories.uni-kiel.de/kuv/?page_id=193, zuletzt aufgerufen am 18.08.2021. []
  13. Vgl. Cramer, Tagebuch, Eintrag vom 12.12.1901 u. Musolf, Gerhard Silomon, S. 58. []
  14. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 52 ff. []
  15. Ebd., S. 58 f. []
  16. Menükarte zur Feier der Vermählung von Fräulein Grete Aden mit Herrn Hugo Cramer, Hotel Piqueurhof, Aurich, den 29. August 1912, NLA AU Dep. 95 Nr. 15. []
  17. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 50 ff. []
  18. Vgl. Ebd., S. 59 f. []
  19. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 61 ff. []
  20. Notarielle Urkunde, Geschäftliche Vollmacht für Margarete Cramer vom 03.08.1914, NLA AU Dep. 95 Nr. 30. []
  21. Vgl. so ähnlich: Wolff, Kerstin: Die Frauenbewegung organisiert sich. Die Aufbauphase im Kaiserreich, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Frauenbewegung (08.09.2008), URL: https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35256/aufbauphase-im-kaiserreich, zuletzt aufgerufen am 19.08.2021, S. 1. []
  22. Ebd., S. 1. []
  23. Schreiben der Geburtstagsgesellschaft zum einjährigen Geburtstag von Charlotte Cramer an Hugo Cramer, September 1914, NLA AU Dep. 95 Nr. 31, S. 3. []
  24. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 61 f. []
  25. Vgl. Schreiben des Magistrats der Stadt Aurich an Herrn Kaufmann Cramer, 07.10.1914, NLA AU Dep. 95 Nr. 29. []
  26. Vgl. Schreiben des Magistrats der Stadt Aurich an Frau Kaufmann Cramer, 08.10.1914, NLA AU Dep. 95 Nr. 29. []
  27. Vgl. Schreiben im Auftrag des Regierungspräsidenten an Margarete Cramer, 05.11.1914, NLA AU Dep. 95 Nr. 29 u. zu diesem Absatz auch Musolf, Gerhard Silomon, S. 62 f. []
  28. Vgl. hierzu Kiupel, Birgit: Raus aus dem Korsett, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/blog/raus-aus-dem-korsett, zuletzt aufgerufen am 18.08.2021. []
  29. Kaiserin Auguste Victoria: An die deutschen Frauen, Berlin 06.08.1914, URL: https://de.wikisource.org/wiki/An_die_deutschen_Frauen!, zuletzt aufgerufen am 19.08.2021,. []
  30. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 09.08.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. [] []
  31. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 03.08.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  32. Kruse, Frauenarbeit, o.S. []
  33. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 64. []
  34. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 26.06.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  35. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 01.08.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  36. Brief von Hugo Cramer an seine Eltern, 13.10.1915, NLA AU Dep. 95 Nr. 31. [] []
  37. Musolf, Gerhard Silomon, S. 66. []
  38. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 16.08.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  39. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 04.07.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  40. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 26.06.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  41. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 30.06.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  42. Vgl. hierzu Musolf, Gerhard Silomon, S. 67. []
  43. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 28.07.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []
  44. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 66. []
  45. Vgl. Ebd., S. 99. []
  46. Daniel, Ute: Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 84, Göttingen 1989, S. 259-265. []
  47. Vgl. Musolf, Gerhard Silomon, S. 70. []
  48. Vgl. Ebd., S. 72. []
  49. Vgl. Ebd., S. 86-93. []
  50. Traueranzeige zum Tod von Margarete Cramer, o.D. (1950), NLA AU Dep. 95 Nr. 24. []
  51. Brief von Margarete Cramer an Hugo Cramer, 07.07.1918, NLA AU Dep. 95 Nr. 9. []

Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/494

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