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Von Matthias Thaden (Berlin)

Die Vortragenden und Gastgeber der Online-Tagung: v.l. Prof. Dr. Bernhard Parisius, Astrid Parisius M.A., Rico Mecklenburg, Dr. Matthias Stenger, Dr. Inge Lüpke-Müller, Dipl. Archivarin Kirsten Hoffmann, Dr. Michael Hermann, Dr. Paul Weßels (Foto: Brasat)

Am 1. November jährt sich die Gründung des Bundeslandes Niedersachsen durch die britischen Alliierten zum 75. Mal. Dieses Ereignis bildete nicht nur den Anlass für die Herausgabe eines Sammelbands aus dem Niedersächsischen Landesarchiv, der ein beeindruckendes und reich illustriertes Kompendium verschiedener politik- und alltagsgeschichtlicher Themen darstellt.1 Auch die Ostfriesische Landschaft und das Niedersächsische Landesarchiv – Abteilung Aurich nutzten das anstehende Jubiläum, um in einer von Paul Weßels moderierten Tagung nach der Rolle und dem Standort Ostfrieslands innerhalb des Bundeslandes zu fragen. Auf Grund der Pandemielage hatten sich die Organisatoren für die Abhaltung einer digitalen Tagung entschieden. Nur die Vortragenden fanden sich persönlich im Landschaftsforum zusammen. Mehr als 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ostfriesland, aber auch den angrenzenden Regionen hatten sich online zu der Veranstaltung zugeschaltet, die – von kleineren technischen Problemen abgesehen – reibungslos in dem neuen Format ablief.

Zum Beginn der Tagung lieferte der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, in seiner Begrüßung einen kurzen historischen Abriss über die politischen Zugehörigkeiten der Region. Er verwies darauf, dass sich in Ostfriesland einerseits eine ausgeprägte regionale Identität bis heute habe erhalten können, während es andererseits zu einer sukzessiven Aufgabe politischer Autonomie gekommen sei. So sei etwa im Gegensatz zu den anderen Teilen Niedersachsens die Zugehörigkeit zum Bundesland nie ernsthaft infrage gestellt worden, und auch die Aufgabe Ostfrieslands als politische Einheit im Zuge mehrerer Zentralisierungsphasen sei weitgehend geräuschlos erfolgt. Welche Auswirkungen innerhalb dieser regionalen Prägungen und Loyalitäten die Zäsur des Jahres 1945 hatte und wie in diesem Zusammenhang der politische Übergang in die neu geschaffene politische Einheit Niedersachsens vonstattenging, war eines der zentralen Themen der Tagung.

Dr. Inge Lüpke-Müller (Foto: Weßels)

So erörterte Inge Lübke-Müller in ihrem Vortrag, inwiefern sich anhand der ostfriesischen Wahlergebnisse vor und nach 1945 ein Demokratisierungsprozess erkennen lasse. Eindrucksvoll belegte sie die Virulenz dieser Frage anhand der weit überdurchschnittlichen Erfolge der NSDAP seit den mittleren 1920er Jahren in der Region. Während etwa bei der Reichstagswahl vom September 1930 deutschlandweit etwa 18 % für die Hitlerpartei stimmten, waren es in Aurich 29 %, in Wittmund gar 74 %. Die britischen Besatzer versuchten dieser antidemokratischen Prägung durch ein System des „indirect rule“ zu begegnen, bei der die Verwaltungsbeamten auf lokaler Ebene zunächst im Amt blieben, die Entscheidungsträger jedoch weitgehend ausgetauscht wurden. So sei es zwar zu einem Austausch der politischen Eliten gekommen, die jedoch zugleich kaum Legitimation besessen hätten. Auch die ersten Landtagswahlen seien – bei einer Wahlbeteiligung von knapp über 50 % – ein Indikator für eine insgesamt geringe Akzeptanz der neuen Verhältnisse und letztlich auch des Bundeslands als entscheidungspolitischem Rahmen gewesen. Diese These überzeugt angesichts der anhaltend großen Wahlerfolge von Parteien des rechten bis extrem-rechten Spektrums in Ostfriesland, die Lübke-Müller anschließend betonte. Diese wollte sie allerdings eher als Reaktion auf die Rezession nach der Währungsreform als auf anhaltende NS-Loyalitäten verstanden wissen. In diesem Sinne setzte in Ostfriesland – übrigens analog mit der politischen Kultur im Rest der Republik2 – erst mit der wirtschaftlichen Konsolidierung eine Akzeptanz für das demokratische System und seine Parteien ein.

Prof. Dr. Bernhard Parisius (Foto: Weßels)

Mit einem Phänomen, das das Nachkriegsdeutschland bis weit in die 1950er Jahre hinein prägen sollte und das auch in der niedersächsischen und ostfriesischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielte, beschäftigte sich Bernhard Parisius. In seinem Vortrag über die Aufnahme deutscher Geflüchteter aus den ehemaligen Ostgebieten des Reichs betonte er zunächst, dass sich in Ostfriesland im Vergleich zu anderen Regionen Niedersachsens recht wenige „Heimatvertriebene“ befunden hätten. Viele von ihnen hätten sich den offiziellen Plänen einer paritätischen Verteilung schlicht wiedersetzt und die ihnen zugeteilten Züge wieder verlassen. Nach der zentralen Registrierung der Geflüchteten auf dem Auricher Ellernfeld wurden diese anschließend verteilt, wobei vor allem die landwirtschaftlich prosperierenden Marschdörfer für die Aufnahme der geflohenen Menschen vorgesehen waren. Anhand von Filmmaterial aus dem Dokumentationszentrum Tidofeld mit Zeitzeugeninterviews zeigte Parisius, dass die Einheimischen den Flüchtlingen häufig mit Ablehnung entgegentraten. Im Vergleich zum Rest Niedersachsens war denn auch der Anteil derjenigen, die in barackenartigen Unterkünften (sog. „Nissenhütten“) sowie innerhalb von Lagern lebten, höher als andernorts in Niedersachsen und betrug noch Ende der 1950er Jahre 6.000 Personen. Zugleich hätten viele diese Form der Unterbringung auch als „Glücksfall“ empfunden, da man so nicht von der Willkür der Bauern abhängig gewesen sei und man ein Netzwerk gegenseitiger Unterstützung habe bilden können. Als das Lager in Norden-Tidofeld aufgelöst wurde, erstritten die Lagerbewohner den Neubau der Siedlung auf der Fläche der ehemaligen Baracken – ein dem Referenten zufolge deutschlandweit einzigartiger Vorgang.

Dr. Matthias Stenger, Direktor der Ostfriesischen Landschaft (Foto: Weßels)

Einen weiteren Beitrag zur Frage der politischen Neuausrichtung nach 1945 lieferte Matthias Stenger. Dieser referierte über die Reorganisation der Ostfriesischen Landschaft, die sich nach dem Krieg als kulturpolitische Institution regelrecht neu erfand. Insgesamt, so stellte Stenger in einem historischen Abriss fest, sei in der 500-jährigen Geschichte der Landschaft ein sukzessiver Verlust ihres politischen Einflusses zu konstatieren, sodass sie sich bereits nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr der „Bewahrung der kulturellen Identität Ostfrieslands“ verschrieb. Während des Nationalsozialismus wurde der Landschaft dann eine neue Verfassung gegeben, mit der jene bis heute wirksame Umwandlung in eine nicht nur kulturfördernde, sondern auch kulturstiftendeInstitution wirksam wurde. Von nun an sollten in neugeschaffenen Gremien auch Projekte selbstständig angestoßen werden können. Zugleich ging mit dieser Neuausrichtung eine heimatkulturelle Zentralisierung einher. Unter dem Liberalen Jann Berghaus als erstem Landschaftspräsidenten im postfaschistischen Deutschland war es danach vor allem die Frage nach ihrer „Politisierung“ sowie nach der gesellschaftlichen Mitbestimmung in Form der Heimatvereine, die kontrovers diskutiert wurde und die erst im Mai 1949 mit einer neuen Verfassung beigelegt werden konnte. Insgesamt war für die Nachkriegszeit vor allem die Aufgabenausweitung der Ostfriesischen Landschaft auf den Bereich der Wissenschaft wichtig, die dem Referenten zufolge „nicht hoch genug bewertet“ werden könne. Dieser Wandlungsprozess sei in den 1980er Jahren zum Ende gekommen, als die entscheidenden Schritte der Modernisierung hin zu einer demokratisch legitimierten Dienstleistungseinrichtung auf dem Gebiet der Kultur und Wissenschaft abgeschlossen gewesen seien.

Dipl. Archivarin Kirsten Hoffmann (Foto: Weßels)

Nach diesem ersten Teil der Konferenz bestand der folgende zweite Block aus drei Beiträgen des Leiters und zweier Mitarbeiterinnen der Auricher Abteilung des Niedersächsischen Landesarchivs. In ihren Kurzvorträgen erörterten sie unterschiedliche, bislang weniger bekannte Aspekte der ostfriesischen Regionalgeschichte. So lieferte Kirsten Hoffmann etwa einen Eindruck von der existenziellen Dimension der Heizmaterialversorgung in der Mangelwirtschaft während der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese setzte Ostfriesland, das als Versorgungsgebiet in der britischen Zone zur Lieferung von Kartoffeln und anderen Nahrungsmitteln verpflichtet war, ganz besonders zu. Wegen kaum vorhandener Transportmöglichkeiten im sehr kalten Winter 1946/47 waren die politischen Entscheidungsträger gezwungen, durch eine angeordnete „Torfaktion“ die traditionelle Form der Heizmittelversorgung durch Torfstechen zu reaktivieren. Daran hatte die ganze Bevölkerung mit Ausnahme von Alten, Kranken, Behinderten sowie ehemaligen KZ-Insassen teilzunehmen. Finanziert wurde die Maßnahme durch den verpflichtenden Erwerb von Torflizenzen, die bald auch zentral organisiert wurde. In ihrem reich bebilderten Vortrag machte Hoffmann die Beschwerlichkeit der kräftezehrenden Torfstecherei und Entwässerungsarbeiten sehr anschaulich. Logistische Probleme und ein immer größerer Bedarf an Brennmaterial von Flüchtlingen und Einheimischen haben, so Kirsten Hoffmann, den aufwändigen privaten Torfabbau im Vergleich zu anderen Möglichkeiten der Brennmaterialversorgung unwirtschaftlich gemacht.

Dr. Michael Hermann, Leiter der Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs (Foto: Weßels)

Anhand des sozialen Wohnungsbaus in der Gemeinde Brinkum diskutierte Michael Hermann anschließend einen weiteren Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ausgehend von einem Appell des Brinkumer Bürgermeisters aus dem Jahr 1956 und mit eindrücklichem Bildmaterial illustrierte Hermann die Enge, in der vor allem arme Menschen auf dem Land noch zehn Jahre nach Kriegsende zu leben gezwungen waren. Als wesentliche Gründe führte er neben den Kriegszerstörungen die Zuwanderung von Flüchtlingen an, die die Wohnungsnot nochmals verschärft habe. Darüber hinaus habe die wohnungsbaupolitische Leitlinie vor allem der Förderung von Eigenheimen gegolten. Diese hätte – wiederum auch für die Heimatvertriebenen – eine „Kompensation der Deklassierung“ bedeutet und sei zudem im Ganzen günstiger gewesen als der soziale Wohnungsbau. Während sich die Lage in Brinkum offenbar mit der Zeit entspannte und Behausungen nach und nach durch Häuser ersetzt wurden, stehen Hermann zufolge generelle Erkenntnisse zur Wohnungsraumsituation in Ostfriesland nach 1945 bislang noch aus. Der Vortrag war insofern auch ein überzeugendes Plädoyer, die „sozialen Gegebenheiten im ländlichen Raum“, die bislang nur wenig erforscht seien, stärker in die Historiografie der Wohnungsraumpolitik einzubeziehen.

Astrid Parisius M.A. (Foto: Weßels)

Der abschließende Vortrag von Astrid Parisius setzte sich zeitlich von den anderen Themen der Tagung ab und fokussierte die Aufnahme der als „Boat people“ bezeichneten Geflüchteten aus dem südlichen Vietnam Ende der 1970er Jahre in Norddeich. Sie hob dabei die Rolle Niedersachsens sowie Ostfrieslands im Besonderen hervor, das seit den späten 1970er Jahren durch die vietnamesische Migration besonderes stark geprägt wurde. Für das Land wie für die Region führte sie hierfür besonders die Rolle einzelner Personen an. So habe etwa der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, bewegt vom medial intensiv begleiteten Schicksal der Insassen der im Meer treibenden „Hai Hong“ „im Familienkreis vor dem Fernseher“ beschlossen, 1.000 Menschen von diesem Boot aufzunehmen. Mit dieser Entscheidung habe er andere Bundesländer „unter Zugzwang“ gesetzt. Ein großer Teil – insg. 3.124 – der in Niedersachsen eintreffenden „Boat people“ kamen im Sozialwerk Nazareth in Norddeich unter, wo sie ein dauerhaftes Bleiberecht erhielten. Hier sei der Pfingstpastor Roman Siewert ein entscheidender Akteur gewesen. Neben der verhältnismäßig unbürokratischen Bearbeitung durch die Behörden und der Vergabe dauerhafter Bleiberechte, erhielten die Geflüchteten Sprachkurse und psychosoziale Angebote. Vor allem das Engagement Siewerts habe zu einem verhältnismäßig großen „Integrationserfolg“ der Vietnamesinnen und Vietnamesen geführt. Dennoch sei die gesellschaftliche Integration insgesamt stets „ambivalent“ geblieben, wie Parisius betonte und wofür sie u.a. Vereinsamung und auch herrschende patriarchale Strukturen verantwortlich machte.

Insgesamt bot die Tagung eine beeindruckende Fülle an neuen Themen und Perspektiven auf die Geschichte Ostfrieslands und der politischen und sozialen Integration der Region und ihrer Bewohner*innen in das neugegründete Bundesland Niedersachsen. Zur Überprüfung der Tragfähigkeit der damit verbundenen Thesen wird es zukünftig noch mehr darum gehen müssen, die aus den lokalen Fallbeispielen gewonnenen Einsichten in größere Zusammenhänge zu rücken. Welche Rolle spielte etwa die Einbindung in Bundes- und Ländergremien sowie in breitere gesellschaftliche Debatten? Welche Entscheidungsspielräume hatten dabei die lokalen Akteure und wie genau konnten sie sie nutzen? Und welche Erkenntnisse kann neben solchen Fragen der Verflechtung schließlich auch der historische Vergleich mit anderen Regionen bringen? Zugänge dieser Art könnten helfen, um die regionalen Besonderheiten und Spezifika Ostfrieslands nach 1945 in Zukunft stärker herauszuarbeiten. Die Konferenz hat in dieser Hinsicht für eine Bandbreite spannender und gegenwartsrelevanter Thematiken einen starken Impuls geliefert.

(Red.: M.H. / P.W.)

  1. Vgl. Sabine Graf / Gudrun Fiedler / Michael Hermann (Hrsg.), 75 Jahre Niedersachsen. Einblicke in seine Geschichte anhand von 75 Dokumenten, Göttingen 2021 (https://ostfrhist.hypotheses.org/277). []
  2. So wurde in anderer Hinsicht darauf hingewiesen, dass die ökonomische Prosperität mit einer steigenden Akzeptanz der Demokratie einherging und sich positiv auf die Beurteilung der „politischen Verfasstheit des Gemeinwesens“ generell auswirkte, vgl. Wolfrum, Edgar. Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung, 1948-1990, Darmstadt, S. 239 f. []

Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/369

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