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In der Riege der ostfriesischen Heimatforscher ist Hermann Adams aus Westoverledingen schon lange kein Unbekannter mehr. Immer wieder hat er sich durch Publikationen und Initiativen mit der Geschichte des Overledingerlandes (historische Landschaft im südöstlichen Landkreis Leer), insbesondere während des „Dritten Reiches“, auseinandergesetzt, und auch der Sensationsfund der vergangenen Jahre, die Entdeckung des Fotoalbums des Völleners Johann Niemann aus dem Vernichtungslager Sobibor, wird unverrückbar mit seinem Namen verbunden bleiben.

Nun hat Adams eine neue Publikation herausgebracht, in der er sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Overledingerland befasste. Dazu hat er nicht nur unzählige Zeitzeugen befragt, sondern auch Aktenrecherche betrieben und mit dem Militärarchiv in Warschau/Warszawa und dem kanadischen National Archive in Ottawa korrespondiert. Im Mittelpunkt dieser Geschehnisse stehen vor allem die wenigen Tage zwischen dem 21. und dem 28. April, also vom Vorstoß alliierter Streitkräfte auf ostfriesisches Gebiet bis zum Angriff auf die Stadt Leer.

Die Besetzung des Overledigerlandes bzw. ganz Ostfrieslands erfolgte durch die 1. kanadische Armee, der eine aus Exilpolen gebildete polnischen Panzerdivision unterstellt war. Offensichtlich gibt es jedoch auch vereinzelt Hinweise, dass ein belgisches SAS-Regiment, das vor allem hinter den Frontlinien eingesetzt wurde, ebenfalls beteiligt war. Aus mehreren Richtungen erfolgte der Vorstoß nach Ostfriesland, wobei Völlenerfehn als erstes ostfriesisches Dorf eingenommen wurde. Zum Teil hatten die alliierten Streitkräfte mit heftiger deutscher Gegenwehr zu kämpfen. Neben Angehörigen des Volkssturms wurden auch Marineinfanteristen eingesetzt. So sollten in Esklum, teils 17–19jährige Soldaten, das Anrücken der kanadischen Truppen nach Leer verhindern, mit der Folge, dass fast alle Höfe in Esklum ganz oder teilweise zerstört wurden. Insgesamt konzentrierten sich die Kampfhandlungen in Ostfriesland vor allem auf den Landkreis Leer. Nur ein schmaler Gürtel des südlichen Teils des Landkreises Aurich war ebenfalls betroffen.

Adams verfolgt jedoch nicht allein einen militärgeschichtlichen Abriss des alliierten Vormarsches, sondern ihm geht es auch um die menschliche Dimension des Kriegsendes, d. h. wie die ostfriesische Bevölkerung die Angriffe und den Einmarsch der Alliierten erlebte. So werden für einzelne Orte ausführlich die zerstörten oder stark beschädigten Häuser dokumentiert und Einzelschicksale geschildert. Wie so häufig waren es oftmals Zufälle, die zwischen Leben und Tod entschieden. So soll in Flachsmeer ein Haus nur deswegen beschossen worden sein, weil in einem Baum davor eine lebensgroße Strohpuppe als Vogelscheuche aufgehängt worden war. Tragisch ist auch das Schicksal einer Familie in Steenfelderfehn, die sich zusammen mit einem französischen Kriegsgefangenen in einem Erdbunker verborgen hatten. Als sich der Franzose zeigte, wurde er für einen deutschen Soldaten gehalten, woraufhin der Erdbunker direkt beschossen wurde.

Den meisten Zeitzeugenaussagen zufolge fielen vor allem die polnischen Streitkräfte durch eine erhöhte Disziplinlosigkeit auf. Plünderungen, Schikanen, aber auch Vergewaltigungen wurden von einzelnen Soldaten begangen, während die Kanadier versuchten, derartige Exzesse zu unterbinden. Adams schildert den Fall eines polnischen Soldaten, der in Ihrhove eine Frau vergewaltigt und dann eine Treppe hinuntergestoßen haben soll, woraufhin ein kanadischer Offizier noch an Ort und Stelle ein Standgericht abhielt und die Todesstrafe verhängte, die auch sofort ausgeführt wurde.

Adams machte sich aber auch auf die Suche nach den kanadischen Soldatenfriedhöfen und behandelt im Einzelnen die auf ostfriesischem Gebiet gefallenen kanadischen Soldaten, die nach Ende des Weltkrieges in einen neu geschaffenen kanadischen Zentralfriedhof – außerhalb Deutschlands – umgebettet wurden. Ebenso recherchierte er nach den Grabsteinen der gefallenen exilpolnischen Soldaten, die überwiegend vor Ort auf den jeweiligen Friedhöfen bestattet wurden.

Durch zahlreiches Karten- und Fotomaterial illustriert Adams seine Forschungsergebnisse, die neue, bisher weitgehend unbekannte Detailinformationen zum Kriegsende in Ostfriesland ans Tageslicht brachten. Wie Paul Weßels in einem Geleitwort zu der Publikation richtig feststellte, werden die Menschen, die aus längst vergangenen Zeiten erzählen können, immer weniger, so dass es umso wichtiger ist, im Sinne einer Geschichtsbewahrung derartige Zeitzeugenberichte aufzuschreiben und öffentlich zu machen.

Adams Publikation umfasst 160 Seiten und ist zum Preis von 15,90 € in einzelnen Buchhandlungen in Ihrhove, Rhauderfehn, Leer und Papenburg erhältlich.

Michael Hermann
(Red.: S.K.)

Michael Hermann

Michael Hermann ist Historiker und Archivar. Seit 2016 leitet er die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs.

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Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/509

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