Home  /  Kultur & Geschichte   /  Vom „Beweglichwerden der Kinder“. Die Beratungsstelle für Laienspiel in Jugendgruppen und Schulen und ihre Zeitschrift „Wer spielt mit?“ 1950 bis 1959
BOOK 1659717 1920

Vom „Beweglichwerden der Kinder“. Die Beratungsstelle für Laienspiel in Jugendgruppen und Schulen und ihre Zeitschrift „Wer spielt mit?“ 1950 bis 1959

RAVELING WER SPIELT MIT 03 52 KLEIN 354X500 1
Abb. 1: Titelblatt des 3. Rundbriefes von 1952 (Landschaftsbibliothek Aurich)

In der ersten Hälfte der 1950er Jahre erlebte das Laienspiel in Jugendvereinen und Schulen einen ungeheuren Aufschwung. 1953 wandte sich der vierte Ostfriesentag direkt an die ostfriesische Jugend. Es wurde u.a. ein „Wettstreit im plattdeutschen Spiel“ veranstaltet. Unter Beteiligung von 95 Schulen mit ca. 3.000 Schülern wurden an drei Veranstaltungsorten vor insgesamt etwa 12.000 Gästen nicht nur Volkstanz und Chorgesang, sondern auch das Laienspiel präsentiert. In der abschließenden Festveranstaltung führten Wittmunder Schüler schließlich auch das Spiel „Gudrun. En Spill na dat olle Lied“ von Wilhelmine Siefkes auf.1

Laienspiel in Ostfriesland

Das Laienspiel hatte auch in Ostfriesland bereits eine lange Tradition. Öffentliche, für Bürger und von Bürgern als Laienschauspielern mitgestaltete Theateraufführungen hatte es hier spätestens seit 1770 gegeben. In bürgerlichen Theaterzirkeln diente das Laientheater mehr zur Bildung als zur Belustigung.2 Das Laienspiel wurde im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer breiten Bewegung, die sich im 20. Jahrhundert auch in Ostfriesland häufig in Vereine verlagerte. Spielorte und Inhalte wurden volkstümlicher, und das Laienspiel wurde zu einer Freizeitbeschäftigung breiter Bevölkerungsschichten. 1911 gründete sich z.B. in Leer im Rahmen der Aktivitäten des dortigen Heimatvereins das Spöölerklottje, das sich selbst heute zu den ältesten Amateurtheatern Deutschlands rechnet.3 Von solchem „Dilettantentheater“ der Vereine grenzte sich das pädagogische Laienspiel mit Kindern bewusst ab. Denn das Laienspiel eignete sich auch, um künstlerischen und pädagogischen Intentionen der beginnenden Reformpädagogik und der Jugendbewegung Ausdruck zu verleihen. Hier sollte es sich mit seiner didaktischen Ausrichtung an der Kreativität, den Erfahrungen und Bedürfnissen der Kinder orientieren und den Fokus auf Selbsttätigkeit und Eigenständigkeit legen.

Ostfriesland und seine Lehrer und Lehrerinnen hatten ihren Anteil an dieser Entwicklung. In Leer schrieb Wilhelmine Siefkes im Zuge der Umsetzung schulreformerischer Ideen in den 1920er Jahren ihre hochdeutschen Laienspiele „Schneewittchen“, Rumpelstilzchen“ und die „Bremer Stadtmusikanten“. Ab 1933 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Wilmke Anners die Spiele „Leevde helpt“ und „Hemelsvolk un Höllenpack“.4

Auf Juist förderte Martin Luserke das Laienspiel ganz wesentlich, seit er 1925 auf der Insel – am „Rand der bewohnbaren Welt“ – die „Schule am Meer“ als reformpädagogisches Landerziehungsheim gründete. Theaterpädagogische Ansätze spielten hier eine zentrale Rolle. Seit 1931 verfügte die Schule am Meer auf der Insel über die einzige deutsche freistehende Theaterhalle, in der auch Laienspiel-Pädagogen für ganz Deutschland ausgebildet werden sollten.5

Irma und Jakob Raveling

Wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Laienspiels in Ostfriesland hatten Irma und Jakob Raveling, die auch 1953 für den Ostfriesentag die Theateraufführungen an den Schulen gesichtet und organisiert hatten.6 1910 bzw. 1911 geboren wurden beide früh geprägt von Traditionen der Bündischen Jugend unterschiedlicher Couleur. Als Studenten und Junglehrer kamen sie in Kontakt mit reformpädagogischen Ideen, begeisterten sich anschließend für die Arbeit im Deutschen Jungvolk und haben vermutlich dadurch auch schon Erfahrungen mit dem Laienspiel gesammelt. Nach 1933 war die Laienspielbewegung wie auch andere reformpädagogische Elemente von der NS-Bildungspolitik und insbesondere vom BdM und der HJ aufgegriffen und für die NS-Ideologie politisch instrumentalisiert worden.

Irma Raveling, geb. Bollhorn, war die Tochter eines Schiffseignerehepaares aus Lauenburg, deren Begabung früh entdeckt und gefördert wurde.7 Nach dem Abitur studierte sie von 1929 bis 1932 in Marburg und an der Pädagogischen Akademie in Altona, wo sie auch ihren späteren Mann, den Ostfriesen Jakob Raveling kennenlernte. Auf das Examen folgten von Mai 1932 bis Ende 1936 befristete Anstellungen an drei verschiedenen Volksschulen in Schleswig-Holstein.8 Irma Raveling wurde als Schülerin kurzzeitig Anhängerin der völkischen Lehren Ludendorffs, und bereits 1929 begeisterte sie sich als Studentin für die Ideen des Nationalsozialismus. Sie trat nie in die NSDAP ein, war aber von 1934 bis Ende 1936 als Lehrerin zugleich auch BDM-Führerin, und sie blieb als solche aktiv, solange sie machen konnte, was ihr gefiel: „Singen, Tanzen, Spielen, Wandern“.9 1936 beendete sie die Mitarbeit wegen zunehmender Regulierung und Kontrolle. Nach dem Krieg und mit dem Wissen um den nationalsozialistischen Völkermord wandte sie sich von allen politischen Ideologien ab.

IRMA JAKOB RAVELING ENDE 1950ER JAHRE WESTERMOORDORF PW 500X360 1
Abb. 2: Irma und Jakob Raveling, Ende der 1950er Jahre (Privatbesitz: Greta Seidel)

Auch Jakob Raveling begeisterte sich früh für Sport und bündische Organisationsformen. Er wurde als Schüler Mitglied im CVJM und als Unterprimaner Mitbegründer des Emder Schülerbibelkreises. Für seine konservativ-nationalistische bis reaktionär-deutschvölkische Grundeinstellung als Schüler spricht auch die Mitgliedschaft im „Verein für das Deutschtum im Ausland, Schulverein e. V.“ 1928 bis 1929.10 Ab Mai 1933 wurde er Jungvolkführer in der Hitler-Jugend und stieg als Fähnleinführer auf zum Jungbann-Sportreferent auf. Zum Kriegsende wurde er schließlich zum Hauptgefolgschaftsführer ernannt.11

Ostern 1937 heirateten Irma und Jakob Raveling, nachdem dieser als Junglehrer eine feste Stelle in dem kleinen Kolonistendorf Südcoldinne erhalten hatte. Erst jetzt, als fest angestellter Lehrer, trat er 1937 der NSDAP bei. In Südcoldinne begann er damit, sich in kleinen, in Zeitungsbeilagen veröffentlichten Artikeln mit der ostfriesischen Heimatgeschichte zu befassen.

Bereits Ende August 1939 wurde Jakob Raveling eingezogen. Nachdem er im März 1942 durch einen Hüftdurchschuss schwer verletzt wurde, kehrte er im Herbst 1943 aus dem Lazarett nach Südcoldinne zurück. Trotz seiner versteiften Hüfte nahm er seinen Lehrerberuf und auch sein Engagement für die Hitlerjugend wieder auf. Er führte noch 1944 Fahrten mit der HJ-Jugend durch. Wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP wurde Jakob Raveling am 24. Juli 1945 aus dem Schuldienst entlassen. Seine Frau übernahm den alleinigen Unterricht in Südcoldinne mit 90 Schülern und legte zugleich ihre Zweite Lehrerprüfung ab. Sie wurde aber wieder zur Hausfrau, als ihr Mann zum 1. Mai 1947 auf Widerruf in seine Stellung zurückkehren konnte.12

Wiederaufnahme der Jugendarbeit in Südcoldinne

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch die Kinder in Ostfriesland durch Kriegserlebnisse traumatisiert und durch Schulausfälle „verwildert“. Ein Norder Schulrat bezeichnete insbesondere die Landkinder als „außerordentlich schwerfällig“.11 Der Norder Bezirksjugendpfleger Smit schrieb, dass es in den Jahren nach 1945 eine vordringliche Aufgabe gewesen sei, „die Jugend u.a. auch zu den musischen Dingen hinzuführen, um ihrer Freizeitgestaltung und ihren Heimabenden Form und Inhalt geben zu können. Neben Volkslied, Volkstanz u.a. gehört hierzu auch das gute Laienspiel, das aus der Gemeinschaft kommt und zur Gemeinschaft führt und dadurch echtes Volkstum vermittelt und erhält.“

Jakob Raveling nahm trotz seines Berufsverbots mit Billigung der englischen Verwaltung schon 1946 in seinem Dorf die Arbeit in Jugendgruppen wieder auf und wurde 1947 Leiter einer Jugendgruppe, die nach eigener Aussage zu den bestorganisierten im Landkreis Norden gehört haben soll. In diesen Monaten schenkte die britische Verwaltung der Gemeinde eine große Militärbaracke, die Jakob Raveling mit Unterstützung aus dem Dorf wiederaufbaute. Sie diente als Theatersaal mit Bühne für die Arbeit mit Jugendgruppen sowie als Übungsraum für Volkstänze mit Kindern und Jugendlichen, die dabei von Irma Raveling auf dem Akkordeon begleitet wurden. Irma Raveling schrieb Laienspiele, die zu Weihnachten und zu anderen Gelegenheiten von den Schulkindern vor den Eltern und Dorfbewohnern aufgeführt wurden. Das Ehepaar gründete eine Laienspiel- und Volkstanzgruppe, die „Südcoldinner Moorhaantjes“, und nach dem Umzug an den neuen Schulort Westermoordorf 1949 wurde auch dort wieder eine Jugendgruppe ins Leben gerufen.

NLA AU REP 250 NR 6633 AUS 500X157 1
Abb. 3: Ausschnitt aus einem Rechtfertigungsschreiben Ravelings in seinem Entnazifizierungsverfahren von 1949 (NLA AU Rep. 250 Nr. 6633)

1949 formulierte Jakob Raveling im Rahmen seiner Entnazifizierung die Grundsätze seines Engagements in der Jugendarbeit: „Ich bin der Meinung gewesen, daß gewisse Grundprinzipien der Jugenderziehung immer und in allen Organisationen gelten müssen, wie die Erziehung zu körperlicher Gesundheit, Reinlichkeit und Tüchtigkeit, auf geistig seelischem Gebiet die Vermittlung gewisser Grundwerte der Moral und Ethik, wie Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, Tapferkeit und Kameradschaftlichkeit, Ehrfurcht und Heimatliebe, auf kulturellem Gebiet neben der Vermittlung der großen kulturellen Werte aller Zeiten für Landkinder besonders die Pflege der Volkskunst und des Volksbrauchtums, sowie die Erforschung der Heimatkultur, des Heimatbodens und der Heimatgeschichte.“11 Dieses „Programm“ ist im engeren Sinne nicht mehr politisch, wirkt aber eher rückwärtsgewandt und autoritär als bedürfnisorientiert. Es hat den Anschein, als hätte sich Jakob Raveling vor allem um die körperliche und ethische Erziehung und seine Frau Irma Raveling als der kreative Kopf eher um die Vermittlung der „kulturellen Werte“ bemüht. Sie war bis in die 1960er Jahre neben Wilhelmine Siefkes die einzige ostfriesische Autorin von Kindertheaterspielen, die ab 1953 zuerst unter ihrem eigenen Namen, später unter dem Namen des Ehepaars veröffentlicht wurden. Da Irma Raveling ihre Werke mit der Hand schrieb, tippte ihr Mann sie mit der Schreibmaschine ab und vervielfältigte die Typoskripte. Einzelne Stücke, wie etwa das Theaterspiel „Ratsheer Rykena. En Spööl ut Nördens olle Tieden“, das Irma Raveling aus Anlass des 700-jährigen Stadtjubiläums Nordens verfasst hatte, wurden von Jakob Raveling auch ins Plattdeutsche übersetzt.13

Gründung der Beratungsstelle für Laienspiel in Jugendgruppen und Schulen 1950 bis 1959 und ihr Rundbrief

Jugendpfleger Karl Fischer initiierte 1949 für den Kreis Norden einen Jugendring, „dem die Aufgabe gestellt wurde, die außerschulische Jugendarbeit im ganzen Kreise zu aktivieren.“ In diesem Zusammenhang ging die Initiative zur Belebung des Laienspiels in Jugendgruppen und Schulen vor allem auf Irma Raveling zurück. In der Jugendherberge von Juist, der Insel Martin Luserkes und der Schule am Meer, wurde vom 10. bis 11. Juli 1950 ein Lehrgang für Jugendgruppenleiter des Landkreises Norden veranstaltet. Irma Raveling hielt bei diesem Treffen einen Vortrag über das „Laienspiel in der Jugendgruppe“ und stellte fest, „daß der größere Teil [der Anwesenden] sich noch nicht mit dem Laienspiel befaßt hatte“.14

RAVELING WER SPIELT MIT 01 51 KLEIN 364X500 1
Abb. 4: Titelblatt des 1. Rundbriefes von 1951 (Landschaftsbibliothek Aurich)

Es wurde beschlossen, in Westermoordorf eine „Beratungsstelle für Laienspiel“ zu gründen. Sie sollte „interessierte Gruppen und Einzelpersonen“ in Fragen des Laienspiels beraten, Empfehlungen für geeignete Spielvorlagen geben und Kontakte zu den entsprechenden Verlagen knüpfen.15 Im November 1950 fand in Norden eine Jugendbuchausstellung statt, die wohl auf Initiative Irma Ravelings auch die besondere Abteilung „Das gute Laienspiel“ hatte. Daraus ergaben sich Schenkungen der Verlage, die von Irma Raveling durchgesehen wurden. Auf der Grundlage der Kenntnis von etwa 250 Laienspielen gab Irma Raveling dann im Oktober 1951 den ersten Rundbrief heraus, der, finanziert durch eine Kreisbeihilfe von 300 DM, zunächst unentgeltlich an alle Jugendgruppen und Schulen im Kreis Norden verteilt wurde.16 Darin gibt Irma Raveling eine kurze Einführung in Laienspiele für Schulen und Jugendgruppen. Auf etwa 15 Seiten folgte eine Auflistung spieltauglicher Laienspiele – mit der Konzentration auf Weihnachts- und Krippenspiele – und mit sehr kurzen Inhaltsangaben und Empfehlungen für die Verwendung in Altersstufen bzw. Schulstufen und -formen.17

In diesem ersten Rundbrief erläuterte Irma Raveling auch ihr Spielkonzept, das vor allem auf den unmittelbaren natürlichen Spieltrieb der Kinder beruhte, dem „das eigene Erleben wichtiger als die Wirkung auf die Zuschauer“ sei. Kinder und Jugendliche bedürften dafür „keines großen technischen Apparates. Natürliche Ausdrucksmittel der Bewegung, Sprache und Gebärden, wenige, leicht beschaffbare, meist selbstgefertigte Spielgegenstände. Lustige und sinnvolle Verkleidungen und eine reiche Phantasie zaubern den Spielern und den Zuschauern auch ohne Bühnenaufbau und Kulissen schönere Landschaften, Schlösser und Märchenparadiese, als es der beste Bühnenmaler könnte. Lernen wir auch von unseren Kindern, daß es in erster Linie nicht auf einzelne gute Spielleistungen ankommt, sondern auf das Mitwirken möglichst Vieler. Am liebsten aller Zugehörigen einer Gemeinschaft jeder an seinem Platz.“16

ZUSCHAUENDE KLASSE FLACHSMEER 1953 ANNELIESE ZIMMERMANN NACHLASS OPPERMANN KL 327X500 1
Abb. 5: Theateraufführung vor einer Klasse in Flachsmeer 1953 (Nachlass Herbert Oppermann, Landschaftsbibliothek Aurich)

Der Rundbrief erregte sofort weit über die Kreisgrenzen hinaus Aufmerksamkeit, und das Angebot der Beratung wurde stark in Anspruch angenommen. Eine vergleichbares Informationsangebot scheint es – so ist es einer Stellungnahme des Quickborn-Verlags zu entnehmen – in Norddeutschland nicht gegeben zu haben. Schon die zweite Ausgabe vom Februar 1952 über „Spiele für Frühling, Sommer, Schulentlassung“ wurde in der beachtlichen Auflage von 1.000 Exemplaren in ganz Ostfriesland an Jugendgruppen und Schulen verteilt.18 Diese Ausweitung von Auflage und Wirkungsradius wurde durch eine finanzielle Unterstützung der Ostfriesischen Landschaft ermöglicht. Die Bedeutung, die man dem Rundbrief auch außerhalb Ostfrieslands beimaß, wird z.B. daran deutlich, dass die wichtigen deutschen Laienspiel-Verlage hier ab der vierten Ausgabe auch Werbung platzierten.

Irma Raveling plante jährlich drei bis vier Rundbriefe. Neben dem Überblick zum Angebot von Spielen sollten zukünftig auch einzelne Spiele eingehender besprochen und besondere Fragen in Zusammenhang des Laienspiels diskutiert werden. Das Angebot wurde um Volkstanzhefte, Liederbücher, Material für Puppenspiele, Schattenspiele und auch religiöse Spiele erweitert.

PUPPENSPIEL OSTERSTEG SCHULE LEER 1953 ANNELIESE ZIMMERMANN NACHLASS OPPERMANN KL 500X341 1
Abb. 6: Puppenspiel-Aufführung in der Ostersteg-Schule in Leer 1953 (Nachlass Herbert Oppermann, Landschaftsbibliothek Aurich)

Die ersten beiden Ausgaben des Rundbriefs wurden noch auf billigem Papier im Din A4-Format hektografiert. Auch wenn der Titel des 2. Rundbriefs bereits die Zeichnung eines Maibaums zeigte, wirkte alles noch sehr provisorisch. Mit der 3. Nummer vom Juni 1952 wurde der Rundbrief unter dem neuen Serientitel „Wer spielt mit?“ dann zu einer Zeitschrift:19 Das Heft wurde im Din A5-Format professionell im Soltau Verlag in Norden gesetzt und gedruckt und schmückte sich seitdem mit wechselnden Titelzeichnungen des befreundeten Künstlers Bernhard Grotzek.20

Rund um das Ehepaar Raveling entstand ein deutschlandweites Netz von Kontakten. Zu Beiträgern und Beiträgerinnen der Zeitschrift wurden neben Wilhelmine Siefkes,21 Hanni Hibben22 und Bruno Loets23 aus Ostfriesland auch renommierte Autoren wie Erich Colberg,24 August Hinrichs,25 Rudolf Mirbt26 und Edmund Johannes Lutz.27

Bis zur Mitte der 1950er Jahre wurden mehrere Laienspiellehrgänge mit Theoretikern, Praktikern und Autoren des Laienspiels vor allem in Aurich durchgeführt. So gab es im Herbst 1952 das Angebot eines Laienspiellehrgangs mit Erich Colberg, einem „Pionier des Schulspiels“.28 Vom 3. bis 9. Januar 1955 wurde im Jugendheim in Aurich ein „Musischer Lehrgang“ durchgeführt.

RAVELING WER SPIELT MIT 11 59 KLEIN 354X500 1
Abb. 7: Titelblatt des 11. Rundbriefs 1959 (Landschaftsbibliothek Aurich)

Die Einstellung des Rundbriefs

Bis 1954 erschien das Heft zweimal jährlich, aber danach stockte der Fluss von zugelieferten Artikeln. Die beiden Artikel in der 8. und 9. Nummer mit dem Titel „Spiele, die im ostfriesischen Raum entstanden“ der beiden Autorinnen Irma Raveling und Wilhelmine Siefkes wirken schon etwas unmotiviert.29 1955 wurde mit der 9. Nummer nur ein Heft herausgegeben. Der 10. Rundbrief, der Ende des Jahres 1956 in nur der Hälfte des üblichen Umfangs erschien, musste schon ohne Beiträge von Gastautoren auskommen. Die Initiative stockte, und der letzte, 11. Rundbrief vom April 1959 enthielt – was bis dahin unüblich war – zwei plattdeutsche Spielvorlagen von Irma Raveling: „Elker Enne is ‘n Anfang“ und „Till in Sniederwinkel“.

Mit den beginnenden Wirtschaftswunderjahren, mit neuer Mobilität, attraktiven Unterhaltungsangeboten und aufkommendem Fernsehen erfolgte auch eine Neuorientierung im Unterhaltungskonsum – aber auch in der Pädagogik. Damit ging eine zumindest zeitweise Abkehr vom traditionellen (plattdeutschen) Schulspiel einher. Es entwickelte sich eine Ablehnung des Plattdeutschen aus Angst vor verpassten Bildungschancen, und insbesondere die heimattümelnden Inhalte vieler Spiele waren nicht mehr zeitgemäß.

Irma Raveling entdeckte für sich in den nachfolgenden Jahrzehnten die ostfriesischen Vornamen als publizistisches Thema, und Jakob Raveling beschäftigte sich in vielen späteren Zeitungsbeiträgen und Veröffentlichungen vor allem mit der Geschichte des Brookmerlandes.

Literatur

August Hinrichs [Art.], https://de.wikipedia.org/wiki/August_Hinrichs; abgerufen am 07.07.2021.
Walter Baumfalk, [Art.] Grotzeck, Bernhard, in: Bildende Kunst in Ostfriesland im 20. und 21. Jahrhundert. Ein Künstlerlexikon, Aurich 2020, S. 172 – 173.
Joachim Böger, [Art.] Siefkes, Wilhelmine, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. I, Aurich 1993, S. 322 – 324.
Edmund Johannes Lutz [Art.], https://de.wikipedia.org/wiki/Edmund_Johannes_Lutz, abgerufen am 07.07.2021.
Erich Colberg [Art.], https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Colberg, abgerufen am 07.07.2021.
Martin Luserke, Jugend- und Laienbühne. Eine Herleitung von Theorie und Praxis des Bewegungsspiels aus dem Stil des Shakespearischen Schauspiels, Bremen 1927.
Martin Luserke, Schule am Meer, Anstaltsplan 1932/33, maschinenschriftliches Manuskript, 1933, S. 118-122.
Rudolf Mirbt [Art.], https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Mirbt; abgerufen am 07.07.2021.
Theo Schuster, [Art.] Loets, Bruno Johannes, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. III, Aurich 2001, S. 267-269.
Gerta Seidel, [Art.] Irma Raveling, in Vorbereitung.
Peter Seidel, Chronik der Familie Otto Bollhorn und Marie Bussau, Marienhafe 2010.
Peter Seidel, [Art.] Jakob Raveling, in Vorbereitung.
Wer spielt mit?, Rundbrief der Beratungsstelle für Laienspiel in Jugendgruppen und Schulen, Westermoordorf 1951-1959.
Paul Weßels, „Im Strome einer neuen Zeit…“.  Aufklärung und Entwicklung des Bürgertums in Ostfriesland um 1800, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 100, 2020, S. 11-66.

Paul Weßels
(Red.: M.H.)

  1. Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Aurich (im Folgenden: NLA AU), Dep. 1 N, Nr. 2407. []
  2. Paul Weßels, „Im Strome einer neuen Zeit…“  Aufklärung und Entwicklung des Bürgertums in Ostfriesland um 1800, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands, Bd. 100, 2020, S. 11-66, hier S. 42-43. []
  3. https://www.spöölerklottje-leer.de/https/www-sp%C3%B6%C3%B6lerklottje-leer-de/c3-bcber-uns/; abgerufen am 07.07.2021. []
  4. Wihelmine Siefkes, Wie meine Spiele entstanden, in: Wer spielt mit?, Rundbrief der Beratungsstelle für Laienspiel in Jugendgruppen und Schulen, Westermoordorf, Nr. 9, S. 29-30. []
  5. Martin Luserke, Jugend- und Laienbühne. Eine Herleitung von Theorie und Praxis des Bewegungsspiels aus dem Stil des Shakespearischen Schauspiels, Bremen 1927; Martin Luserke, Schule am Meer, Anstaltsplan 1932/33, maschinenschriftliches Manuskript, 1933, S. 118-122. []
  6. NLA AU, Dep. 1 N, Nr. 2411. []
  7. Zur Biographie von Irma Raveling vgl.: Gerta Seidel, [Art.] Irma Raveling, in Vorbereitung. []
  8. NLA AU, Rep. 250, Nr. 10582. []
  9. Peter Seidel, Chronik der Familie Otto Bollhorn und Marie Bussau, Marienhafe 2010, S. 4. []
  10. Zur Biographie von Jakob Raveling vgl.: Peter Seidel, [Art.] Jakob Raveling, in Vorbereitung. []
  11. NLA AU, Rep. 250, Nr. 6633. [] [] []
  12. NLA AU, Rep. 17/4, Nr. 1984; Rep. 250, Nr. 6633. []
  13. Gerta Seidel, [Art.] Irma Raveling, in Vorbereitung. []
  14. Wer spielt mit?, Nr. 1, 1951, S. 1. []
  15. Wer spielt mit?, Nr. 1., 1951, S. 1-3. []
  16. Wer spielt mit?, Nr. 1, 1951, S. 1-3. [] []
  17. Nur die 1. Nummer „Was sollen wir spielen? Wurde von Irma Raveling allein herausgegeben. Für alle weiteren Hefte zeichnete das Ehepaar gemeinsam verantwortlich. []
  18. Wer spielt mit?, Nr. 2, 1952, S. 1-3. []
  19. Diese Entwicklung hatte Irma Raveling sicherlich nicht vorgesehen. Der 1, Rundbrief führt den Titel „Was sollen wir spielen?“., der 2. Den Titel „Spiele für Frühling, Sommer, Schulentlassung“. Erst mit der 3. Nummer wird der Serientitel „Wer spielt mit?“ eingeführt. Zur Vereinfachung der Zitierweise werden hier alle neun Nummern unter diesen Titel zitiert. []
  20. Zu Bernhard Grotzeck vgl.: Walter Baumfalk, [Art.] Grotzeck, Bernhard, in: Bildende Kunst in Ostfriesland im 20. und 21. Jahrhundert. Ein Künstlerlexikon, Aurich 2020, S. 172-173. []
  21. Wer spielt mit?, Nr. 3, S. 5-5. Zu Wilhelmine Siefkes vgl. Joachim Böger, [Art.] Siefkes, Wilhelmine, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. I, Aurich 1993, S. 322 – 324. []
  22. Wer spielt mit?, Nr. 3, S. 8-9. []
  23. Wer spielt mit?, Nr. 7, S. 21-22. Zu Bruno Loets vgl. Theo Schuster, [Art.] Loets, Bruno Johannes, in: Martin Tielke (Hrsg.), Biographisches Lexikon für Ostfriesland, Bd. III, Aurich 2001, S. 267-269. []
  24. Wer spielt mit?, Nr. 4, S. 8-9. Zu Erich Collberg vgl. Vgl. auch: Erich Colberg [Art.], https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Colberg, abgerufen am 07.07.2021. []
  25. Wer spielt mit?, Nr. 5, S. 4-5. Zu August Hinrichs vgl. den Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/August_Hinrichs; abgerufen am 07.07.2021. []
  26. Wer spielt mit?, Nr. 5, S. 9-10. Zu Rudolf Mirbt vgl. den Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Mirbt; abgerufen am 07.07.2021. []
  27. Wer spielt mit?, Nr. 5, S. 5-7. Zu dem Autor und Verlagsleiter Edmund Johannes Lutz vgl. den Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Edmund_Johannes_Lutz, abgerufen am 07.07.2021. []
  28. Wer spielt mit?, Nr. 2, S. 18. []
  29. Wer spielt mit?, Nr. 8, S. 25-26; Nr. 9, S. 29-30. []

Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/421

Jetzt anmelden und 5 € Rabatt sichern!

Mit unserem Newsletter bist Du immer top-aktuell informiert. Du bekommst Infos zu neuen Partnern, attraktiven Sonderaktionen und neuen Beiträgen in unserem Heimatliebe-Blog aus erster Hand.

Du erhältst nach Registrierung eine e-Mail mit dem Gutscheincode. Diesen kannst Du bei Deiner nächsten Bestellung einer OSTFRIESLANDCARD einsetzen. Er ist jedoch nicht mit anderen Aktionen kombinierbar.
By creating an account you are accepting our Terms & Conditions