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Emder Jahrbuch zur Geschichte Ostfrieslands

Wer ist tatsächlich auf einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert abgebildet, das den ostfriesischen Häuptling Focko Ukena darstellen soll? Was hat der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 mit Ostfriesland zu tun? Welche Rolle spielte der frühere Landschaftspräsident Georg von Eucken-Addenhausen bei der Erstellung einer neuen Verfassung für die Ostfriesische Landschaft nach 1933? Wie viele Luftalarme gab es im Zweiten Weltkrieg in der Umgebung von Esens? Und welche Hintergründe waren ausschlaggebend, dass in den 1950er Jahren in der Krypta auf dem Kirchhof Westerende eine kommunale Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege und der jüdischen Opfer der Konzentrationslager errichtet wurde? Diese und viele weitere Fragen finden in der aktuellen Ausgabe des Emder Jahrbuchs für historische Landeskunde Ostfrieslands ihre Antworten.

Es ist inzwischen der 101. Band des Jahrbuchs, das von der Ostfriesischen Landschaft, der Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung, der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden, der Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden sowie dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Aurich herausgegeben wird. Sechs Autoren – darunter Historiker, Archivare und Heimatforscher – haben einzelne Themen der ostfriesischen Geschichte aufgearbeitet und erforscht.

So begibt sich der niederländische Historiker und Archivar Dr. Redmer Alma auf die Spuren eines Gemäldes, das den ostfriesischen Häuptling Focko Ukena (1370-1436) darstellen soll. Mithilfe der forensischen Genealogie entschlüsselt er die Geschichte des Bildnisses von seiner Entstehung Anfang des 17. Jahrhunderts bis zur Anfertigung einer Kopie im Auftrage der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer 1829, wobei schon damals Zweifel geäußert wurden, ob es sich tatsächlich bei dem abgebildeten Mann um den ostfriesischen Häuptling handelte. Tatsächlich war das Bildnis jahrhundertelang Focko Ukena zugeschrieben worden, obwohl vermutlich ein anderes Familienmitglied des damaligen Auftraggebers, Sweder Schele von Weleveld, Modell gesessen hatte.

Das Gemälde trägt die Überschrift: „Focco Ukena van Brokum höuetling to Edermoer end Liir. Her van Aurich end Brockmerland offte Brocum“. Fries Museum, Leeuwarden, Objektnr. S1963-116 (Foto: Fries Museum)

Der sich daran anschließende Beitrag von Dr. Heiko Suhr über „Georg von Eucken-Addenhausen“, bekanntlich 1932-1942 Präsident der Ostfriesischen Landschaft, geht letztlich auf eine Initiative des Künstlers Cyrus Overbeck zurück, der in Neuharlingersiel ein Kunstobjekt zu Georg von Eucken-Addenhausen erstellen wollte. Daraufhin hatte der Kurverein Neuharlingersiel Herrn Suhr beauftragt, die historischen Hintergründe und die Biografie Eucken-Addenhausens zu untersuchen. Seine umfassenden Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sind nun im Emder Jahrbuch nachzulesen, wobei Herr Suhr nicht zuletzt der Frage nachgeht, welche Rolle der ehemalige Landschaftspräsident bei der Anpassung der Verfassung der Ostfriesischen Landschaft an die NS-Maßstäbe spielte.

Gerd Rokahr, der schon wiederholt mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Stadt Esens hervorgetreten ist, befasst sich in seinem Beitrag mit den Aufzeichnungen der Luftschutz-Warnstelle Esens während des Zweiten Weltkrieges, die im Niedersächsischen Landesarchiv aufbewahrt werden. Auf dieser Grundlage untersucht er nicht nur die Organisation des Luftschutzwarndienstes in Ostfriesland, sondern auch Häufigkeit und Dauer der einzelnen Alarmmeldungen und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf die Esenser Bevölkerung.

Im Mittelpunkt des Beitrages des Leiters der Landschaftsbibliothek, Herr Dr. Paul Weßels, steht die Gefallenengedenkstätte der Stadt Leer in der Krypta auf dem Kirchhof Westerende. Ausgangspunkts dieser Untersuchung war die Entscheidung der Stadt Leer, für den Gedenkraum nach 60 Jahren die Pacht nicht mehr zu verlängern. Anlass für Weßels, sich eingehender mit den Hintergründen zu beschäftigen, die in den 1950er Jahren zur Errichtung dieser kommunalen Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege und der Opfer der Konzentrationslager geführt hatten.

Eingangsturm der Krypta mit der Widmung der Stadt Leer für die Gefallenen der beiden Weltkriege (Foto: Stefan Krabath, NIhk Wilhelmshaven)

Neben diesen Hauptbeiträgen bietet das Emder Jahrbuch auch in diesem Jahr wieder drei Miszellen, das heißt etwas kürzere Abhandlungen bis zu 10 Seiten zu unterschiedlichen Themen:
Der ehemalige Leiter des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung, Prof. Dr. Karl-Ernst Behre, befasst sich mit dem sogenannten „Wühlen und Kleischießen“, d.h. mit den alten und sehr arbeitsintensiven Düngemethoden in den küstennahen Moorgebieten, die erst durch das Aufkommen des Kunstdüngers Mitte des letzten Jahrhunderts eingestellt wurden.
Ein weiterer Beitrag von Dr. Paul Weßels untersucht die Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien im April 1815 für den äußersten Nordwesten Deutschlands, wobei er als Quelle auf die umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen des lutherischen Theologen und späteren Generalsuperintendenten Johann Ernst Müller (1768-1837) zurückgreifen konnte.
Schließlich unterzieht Dr. Michael Hermann die Lebenserinnerungen von Hellmut Stimming, der als Mitglied der „Eisernen Torpedobootsflottille“ die Besetzung Emdens durch Regierungstruppen im Februar 1919 unmittelbar miterlebte, einer quellenkritischen Überprüfung. An dessen Behauptungen – nach Stimming soll das bekannte Freikorps von Aulock an der Aktion beteiligt gewesen sein und die Besetzung soll in erster Linie auf Intervention des Emder Senats erfolgt sein – bestehen zumindest erhebliche Zweifel.

Die Herausgeber und Redakteure des Emder Jahrbuchs: Dr. Claas Brons, Dr. Michael Hermann, Rico Mecklenburg, Dr. Paul Weßels, Dr. Reinhold Kolck, Dr. Matthias Stenger (v.l.)

Traditionsgemäß wird auch wieder neue und aktuelle Literatur zur Geschichte Ostfrieslands und der thematischen bzw. geographischen Nachbargebiete vorgestellt; insgesamt liegen 18 ausführliche Buchbesprechungen vor.

Der aktuelle Band des Emder Jahrbuchs umfasst 344 Seiten und ist für 30,00 Euro im Buchhandel oder direkt über die Ostfriesische Landschaft zu beziehen.

Michael Hermann
(Red. P.W.)

Michael Hermann

Michael Hermann ist Historiker und Archivar. Seit 2016 leitet er die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs.

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Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/296

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