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Wanderausstellung „Jüdisches Leben in der Grenzregion – Joods leven in de grensstreek“

Ein Gastbeitrag von Dr. Juliane Irma Mihan (Forschungsprojekt: „Jüdisches Leben im grenznahen Raum“)

Ein Teppich in Knallbunt ist der Rahmen einer Wanderausstellung, die über jüdisches Leben in der Grenzregion Rheiderland – Groningen informiert. Der Teppich zeigt eine stilisierte Landkarte mit den Orten Jemgum, Bunde, Weener, Winschoten, Bourtange und Groningen, die Heimat für jüdische Gemeinden gewesen sind und miteinander in Zusammenhang standen. Durch den Teppich kann die Wanderausstellung in ganz unterschiedlichen Räumlichkeiten aufgebaut werden, denn er ist gewissermaßen der Ausstellungsraum. Alle Ausstellungsteile sind mit dem Teppich verbunden, indem sie mit mindestens einer Ecke auf dem Teppich stehen. Auf der Teppichkarte kann man ganz leicht (und ohne nasse Füße zu bekommen) von Leer ins Rheiderland und weiter ins Groningerland und nach Groningen wandern – und selbstverständlich auch wieder zurück. Diese Wanderungsbewegung gab es seit dem 17. Jahrhundert, als sich jüdische Gemeinden im Rheiderland formierten.

Enge Verbindungen

Die Geschichte der benachbarten Regionen Rheiderland und Groningerland ist seit dieser Zeit untrennbar mit der Geschichte ihrer jüdischen Gemeinden verbunden. Die Jüdinnen und Juden in der Grenzregion hatten sich aktiv in den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Alltag integriert. Ohne die Geschichte dieser jüdischen Gemeinden kann die historische Entwicklung Ostfrieslands und der Provinz Groningen nicht gedacht und verstanden werden. Dem tschechisch-jüdischen Kulturwissenschaftler Vilém Flusser (1920 – 1991) folgend, der in einem Interview über das Thema „Grenze“ kurz vor seinem Tod konstatierte, dass zwei benachbarte Regionen in der Realität nie scharf voneinander abgegrenzt seien,1 ist auch für die Grenzregion Rheiderland – Groningerland eine Überschneidung der Kulturen festzustellen. Allein die Ähnlichkeit von Rheiderländer und Groninger Platt unterstreicht dies.2 Und so wird die Grenzregion Rheiderland – Groningerland zu einer Kontaktzone.3 Zur Geschichte der Grenzregion gehört aber auch, dass Jüdinnen und Juden unter der nationalsozialistischen Regierung ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. In der Wanderausstellung wird dieser Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen Methoden nachgegangen.

Ein Rundgang durch die Wanderausstellung

Schautafeln, eine Vitrine, Filme und ein Touchscreen laden dazu ein, sich ins Thema zu vertiefen und vermitteln multimediale Eindrücke. Alle Ausstellungsteile sind zweisprachig in Deutsch und Niederländisch gestaltet, um Gästen dies- und jenseits der Grenze den Zugang zu erleichtern.

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Abb. 4: Schautafel mit Informationen über die jüdischen Gemeinden im Rheiderland und in Leer (Foto

Die jüdischen Gemeinden im Rheiderland sind im frühen 17. Jahrhundert entstanden und waren aufgrund der Tatsache, dass sie bis ins letzte Drittel des 17. Jahrhunderts den jüdischen Friedhof von Emden mitnutzten, mit der dortigen jüdischen Gemeinde verbunden. Mit Erlaubnis von Fürstin Christine Charlotte wurde 1670 ein gemeinsamer Friedhof in Smarlingen nahe Weener angelegt, der bis Mitte des 19. Jahrhunderts genutzt wurde. Danach hatten Weener und Jemgum jeweils ihre eigenen jüdischen Friedhöfe.4 Bunde und Jemgum waren kleine jüdische Gemeinden mit ländlichem Charakter und armer bis sehr armer Bevölkerung. Weener hatte eine größere jüdische Gemeinde mit einem eher städtischem Charakter und wohlhabenderen Mitgliedern. Die Jüdinnen und Juden in Bunde und Jemgum verdienten ihren Lebensunterhalt mit Viehhandel, Schlachterei und Trödelhandel. In Weener arbeiteten ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts viele Juden außerdem noch als Textil- oder Lederhändler, Gerber, Bäcker oder Uhrmacher.5

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Abb. 5: Schautafel mit Informationen über jüdische Gemeinden in der Provinz Groningen (Foto: LK Leer)

Jüdisches Leben kann im Groningerland seit Mitte des 16. Jahrhunderts nachgewiesen werden. Während des 17. Jahrhunderts versuchte die antijüdisch eingestellte Reformierte Kirche in der Provinz Groningen zwar, die Ansiedlung von Juden zu verhindern, konnte sich aber nicht durchsetzen. So kam es Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts im Südosten der Provinz Groningen und nach und nach auch in Groningen selbst zur Ansiedlung vieler Jüdinnen und Juden. Das Groningerland hatte für Jüdinnen und Juden aber auch die Funktion einer Transitzone, wenn sie in andere niederländische Provinzen wanderten oder auch nach Übersee ausreisten. Ähnlich wie im benachbarten Rheiderland gab es auch in der Provinz Groningen ländliche und städtisch geprägte jüdische Gemeinden.6 Erwähnenswert ist, dass Winschoten Ende des 19. Jahrhunderts nach Amsterdam mit ca. 10% Bevölkerungsanteil die zweitgrößte jüdische Gemeinde in den Niederlanden hatte und die Jüdinnen und Juden Winschotens Jiddisch sprachen.7

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Abb. 6: Schautafel über Akteure der jüdischen Emanzipation in Deutschland und den Niederlanden (Foto: LK Leer)

Nicht uninteressant sind die Unterschiede in der deutschen und niederländischen jüdischen Emanzipationsgeschichte. Kurz gesagt waren die niederländischen Jüdinnen und Juden bereits 75 Jahre früher rechtlich gleichgestellt, als die deutschen. Der niederländische Historiker Stefan van der Poel weist auf einen entscheidenden Unterschied zwischen der jüdischen Emanzipation in den Niederlanden und in Deutschland hin und beschreibt den unterschiedlichen Ansatz der jeweiligen Regierungen:

„In Groningen – as in the Netherlands in general – the necessity for large-scale adaptations to the dominant culture was less felt than in Germany. The starting point in both countries was opposite from one another. The Dutch Jews already had equal rights and were expected to show they were worthy enough to deserve these rights in the form of further integration. The German Jews first had to show that they were good citizens, before the question on equal rights could be raised.”8

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Abb. 7: Filmtitel. Nach der Aktualisierung der Wanderausstellung sind vier Filme zu sehen (Foto: LK Leer)

Ein Highlight der Wanderausstellung sind die Kurzfilme der niederländischen Filmemacherin Liefke Knol. Die gut recherchierten, einfühlsamen Filme erzählen in jeweils sieben bis 15 Minuten die Geschichten der Familien von Peter Hein, Abraham Joseph Polak, Eduard Gerzon sowie Gottfried und Julius Watermann. Nicht zuletzt dank der zweisprachigen Untertitelung bekommen die Ausstellungsgäste anhand dieser Familiengeschichten einen ganz unmittelbaren Eindruck von jüdischer Geschichte dies- und jenseits der deutsch-niederländischen Grenze.

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Abb. 8: Touchscreen (Foto: LK Leer)

Ein großer Touchscreen lädt dazu ein, noch tiefer in Geschichte und Geschichten einzutauchen. Das Startbild zeigt auf ganz eigene Art und Weise die enge Verknüpfung der deutsch-niederländischen jüdischen Geschichte der Grenzregion Rheiderland – Groningerland. Die Verpackung von Polaks Weihnachtspudding aus den 1920er Jahren zeigt die Aufschrift KERST-PUDDING. „Kerst“ ist das niederländische Wort für „Weihnachts-“, und so spiegelt sich in der niederländischen (oder niederländisch-deutschen) Aufschrift auf einer deutschen Produktverpackung die niederländisch-deutsche Geschichte der Puddingpulverfabrik der Familie A. J. Polak in dieser Verpackung wider.

Wer sich mit den Texten, Videos und Audios im Touchscreen beschäftigt, erfährt viel über die angebotenen Themen “Juden im Rheiderland”, “Juden im Groningerland”, “Jüdische Migration” und “Verfolgung und Mord”. Neben den jüdischen Gemeinden des Rheiderlandes und der Provinz Groningen werden auch individuelle Geschichten erzählt. So zum Beispiel die des Weeneraner Heimatdichters Elieser Louis Victor Israels (1854 in Weener – 1922 in Halle/S.). Der Viehhändler Israels engagierte sich nicht nur für die jüdische Gemeinde in Weener, sondern wurde von der Weeneraner Bevölkerung auch 1890 und 1902 zum Bürgervorsteher gewählt. Außerdem dichtete er auf Platt und schicke Reichskanzler Otto von Bismarck mehrfach zum Geburtstag ein eigenes Gedicht und Kiebitzeier nach Berlin. Diese offensichtliche Identifikation Israels mit seiner ostfriesischen Heimat und Deutschland hielt Nationalsozialisten 1938 nicht davon ab, das Wort „Heimatdichter“ aus seinem Grabstein herauszuschlagen. Eindrücklich sind auch die kurzen Videos mit Erzählungen der jüdischen Zeitzeugen Enny Cohen und Albrecht Weinberg, die davon berichten, wie sie als Kinder Ausgrenzung und Gewalt erfuhren, weil sie jüdisch sind.

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Abb. 12: Vitrine, u.a. mit Ausstellungsobjekten zur Puddingfabrik der Familie Polak

Zu einer Ausstellung gehören natürlich auch Objekte. Diese werden in einer Vitrine gezeigt, die von allen Seiten einsehbar ist. Ein großer Teil der darin ausgestellten Objekte bezieht sich auf die Puddingfabrik der Familie Polak in Weener. Sie veranschaulichen die Bedeutung der Fabrik als Arbeitgeber in der Region – auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Firma längst nicht mehr der jüdischen Familie Polak gehörte.

Mit der Geschichte in der Gegenwart lernen

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Abb. 13: Thema „Antisemitimus heute?!“ auf dem Touchscreen

Doch die Ausstellung möchte mehr vermitteln, als Geschichte und Geschichten. Sie möchte auch in die Gegenwart zeigen und dazu anregen, sich mit aktuellen Themen auseinander zu setzen. Ausgrenzung, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind heutzutage nach wie vor verbreitet. Diesen die Demokratie gefährdenden Tendenzen etwas entgegenzusetzen und aus der Geschichte zu lernen – dazu lädt die Wanderausstellung „Jüdisches Leben in der Grenzregion“ ein.

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Abb. 14: Schautafel zu Beginn der Ausstellung

Die Wanderausstellung ist Teil des deutsch-niederländischen Forschungsprojektes „Jüdisches Leben im grenznahen Raum. Die Wechselbeziehungen zwischen den jüdischen Gemeinden im Rheiderland und Groningerland“. Es wurde 2018 vom Landkreis Leer in Zusammenarbeit mit der Stichting Folkingestraat Synagoge Groningen in Angriff genommen und endet 2021. Das Forschungsprojekt wird im Rahmen des INTERREG V A-Programms Deutschland-Nederland mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE), durch die Provinz Groningen, das Niedersächsische Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung und das Auswärtige Amt gefördert.

Dr. Juliane Irma Mihan

(Red.: M.H. / G.K.)

  1. Das Interview ist u.a. abgedruckt in Klaus Sander (Hrsg.), Vilém Flusser. Zwiegespräche. Interviews 1967-1991. Göttingen: European Photography, 1996, S. 94-98. []
  2. Juliane Irma Mihan, Jüdisches Leben im grenznahen Raum. Die Wechselbeziehungen zwischen den jüdischen Gemeinden im Rheiderland und Groningerland. Aurich: Ostfriesische Landschaft, 2021, S. 51. []
  3. Zum Begriff der Kontaktzone vgl. die Studie von Alexandra Binnenkade, KontaktZonen. Jüdisch-christlicher Alltag in Lengnau. Köln u.a.: Böhlau, 2009. []
  4. Juliane Irma Mihan, Jüdisches Leben im grenznahen Raum. Die Wechselbeziehungen zwischen den jüdischen Gemeinden im Rheiderland und Groningerland. Aurich: Ostfriesische Landschaft, 2021, S. 54 und 60f. []
  5. Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Jemgum, Bunde und Weener wird auf die Artikel im Historischen Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen hingewiesen: Herbert Reyer, „Jemgum“ in: Herbert Obenaus (Hrsg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Göttingen: Wallstein, Bd. 2, 2005, S. 903-907; Daniel Fraenkel, „Bunde“ in: Herbert Obenaus (Hrsg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Göttingen: Wallstein, Bd. 1, 2005, S. 380-384; ders., „Weener“, ebd., S. 1534-1544. []
  6. Zur Geschichte der Juden in den Niederlanden wird verwiesen auf Renate G. Fuks-Mansfeld, „Die Niederlande“ in: Elke-Vera Kotowski u.a. (Hrsg.), Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa. Darmstadt: WBG, 3. Aufl., 2013, Bd. 1, S. 417-438. []
  7. Engbert Schut, „‘Unser jiesjew wird a kille‘: de wording van de joodse gemeente Winschoten 1683-1814“ in: P. Brood / E. Schut, “Eene zeer twistzieke natie” Aspecten van de geschiedenis van de joodse gemeenschap in Winschoten. Bedum: Profiel, 2003, S. 9-74. []
  8. Zit. Stefan van der Poel, “The significance of German Jews for the city and province of Groningen: Migration movements in the Eems-Dollard region, 1740-1940” in: Roberto Dagnino / Alessandro Grazi (Hrsg.), Believers in the nation. European religious minorities in the age of nationalism (1815-1914). Leuven u.a.: 2017, S. 46-48. Zur Thematik der rechtlichen Gleichstellung der Juden in den Niederlanden siehe auch Hetty Berg (Red.), De Gelykstaat der Joden. Inburgering van een minderheid, Amsterdam / Zwolle 1996. []

Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/457

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