Home  /  2021  /  April

Geophysikalische Prospektionen von Häuptlingsburgen der friesischen Halbinsel

von Thorsten Becker, Dirk Dallaserra, Emma Hadré, Kirsten Hüser und Stefan Krabath

Unsichtbares sichtbar machen: Das ist eine der ambitionierten Aufgaben des Projekts „Burgenbau im niedersächsischen Küstenraum“ des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung. Mithilfe historisch-geographischer und archäologischer Methoden sollen ehemalige Burgenstandorte aufgespürt und erforscht werden, um so ein Fenster in die Zeit der „Friesischen Freiheit“ zu öffnen und gesellschaftlichen Wandel sowie die Verlagerung der Machtverhältnisse nachzuvollziehen. Historische Karten und ein hochaufgelöstes Modell der Geländeoberfläche sind zwei Beispiele für Archive, die genutzt werden, um nach Hinweisen auf frühere Burgen zu suchen. Rund 500 mögliche Burgenstandorte auf dem Gebiet zwischen Ems und Weser konnten auf diese Weise bereits identifiziert werden. Heute finden sich im Gelände jedoch nur in Ausnahmefällen noch obertägig Zeugnisse der Burgen; in den meisten Fällen ist mit dem bloßen Auge lediglich Ackerfläche oder Grünland zu erkennen. Mithilfe geophysikalischer Methoden wie der Geomagnetik werden die im Boden verborgenen Strukturen sichtbar gemacht.

ABB BLICKFANG N 500X333 1
Ein zerstörungsfreier „Blick in den Boden“. Die MitarbeiterInnen des Burgen-Teams setzen Vermessungstechnik und Geomagnetik ein  (Foto: S. Krabath, NIhK).

Der Projektrahmen

Seit Ende des Jahres 2019 erforscht ein Team junger Archäologen am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) in Wilhelmshaven Befestigungen in Ostfriesland und seinen Nachbargebieten. Das von Pro*Niedersachsen geförderte Projekt „Manifestation der Macht – Burgenbau als Indiz gesellschaftlicher Transformationsprozesse im niedersächsischen Küstenraum“ wird von verschiedenen Kooperationspartnern unterstützt. Dazu zählen die Ostfriesische Landschaft, das Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung (LGLN) in Aurich sowie die Fryske Akademy in Leeuwarden.

Das Arbeitsgebiet nimmt in der historischen Entwicklung Niedersachsens eine Sonderstellung ein: In den genossenschaftlich organisierten autonomen Landesgemeinden der Friesen bildete sich nach Aussage schriftlicher Quellen eine Elite heraus, die ihre Macht durch den Bau von „Festen Häusern“ manifestierte. Insbesondere diese bislang von archäologischer Seite wenig untersuchten Steinhäuser sollen mit Hilfe archäologischer und historisch-geographischer Methoden analysiert werden, um Prozesse des gesellschaftlichen Wandels besser charakterisieren zu können. Einer Datierung des Steinhausbaus mit archäologischen Quellen kommt dabei eine hohe Relevanz zu. Zudem wird versucht, die Funktion der Steinhäuser und anderer Befestigungen im Rahmen von Territorialverteidigung, herrschaftlicher Repräsentation und Schutz von Verkehrsinfrastruktur besser zu verstehen. Darüber hinaus gilt es, Abhängigkeiten von Steinhausbau und Landeserschließung durch Bedeichungsmaßnahmen nach großflächigen Landverlusten zu erkennen und zu beschreiben. Im Rahmen der Projektvorbereitung wurden Recherchen durchgeführt, durch die Hinweise auf mehr als 500 Standorte derartiger Anlagen erschlossen werden konnten; diese Daten bilden den Ausgangspunkt für die vorgesehenen Untersuchungen. Erstmals sollen auf Grundlage eines aus LiDAR-Daten modellierten Mikroreliefs Daten zu Struktur und Umfeld der Befestigungen erhoben werden. Diese werden ergänzt durch Fachdaten aus archäologischen Ausgrabungen, historisch-archivalischen Quellen (insbesondere Inventare und Altkarten) und den Ergebnissen aus geomagnetischen Prospektionen. GIS-gestützte historisch-geographische Auswertungen sollen zu einem besseren Verständnis von Befestigungsbau und Herrschaftsbildung im späten Mittelalter vor dem Hintergrund naturräumlicher Gegebenheiten beitragen.

Dies möchte der vorliegende Beitrag im Folgenden am Beispiel zweier Burgplätze, der Burg Tengshausen im Landkreis Friesland und der sogenannten Westerburg in Groothusen im Landkreis Aurich vorstellen. Anlass bieten hierzu im Sommer 2020 und Frühjahr 2021 durchgeführte Untersuchungen des Projekts auf den beiden Anlagen. Darüber hinaus wurde bislang auf 15 weiteren Burgstellen prospektiert.

ABB 1 TENGSHAUSEN AUS 500X482 1
Das Magnetometer des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung in der Einsatzvorbereitung in Tengshausen. Zu erkennen sind links, senkrecht über der Radachse montiert die fünf Sonden des Geräts. Oben ist ein GNSS-Empfänger angebracht (Foto: S. Krabath, NIhK).

„Ausgrabung“ ohne Spaten

Teil dieser Untersuchungen waren geophysikalische Prospektionen auf heute unbebauten Flächen der beiden Burgplätze, die sich für eine Begehung geeignet zeigten. Durch den Einsatz eines Magnetometers konnte hierbei ein „Blick in den Boden“ ermöglicht werden, ganz ohne eine archäologische Grabung vorzunehmen. Das Prinzip des Verfahrens sei zunächst näher erläutert:

Bei dem geomagnetischen Messverfahren handelt es sich um eine nicht-invasive, zerstörungsfreie Methode zur Erfassung natürlicher oder anthropogen verursachter Anomalien in der Magnetisierung des Bodens, beziehungsweise den möglichen Funden und Befunden darin. Hierbei werden magnetische Flussdichten gemessen, um die Stärke magnetischer Felder zu bestimmen. Diese können durch im Boden enthaltene Mineralstoffe ebenso verursacht sein wie durch menschengemachte Objekte mit magnetischen Eigenschaften, wie solche aus Eisen oder gebranntem Ton (beispielsweise Ziegelsteine). Die magnetische Flussdichte ist mittels der physikalischen Einheit Tesla (T) beschrieben. Während das Erdmagnetfeld in unseren Breiten rund 50.000 Nanotesla (nT) beträgt, liegen archäologisch relevante Werte meist im ein- bis dreistelligen nT-Bereich. In Abhängigkeit von den physikalischen und chemischen Eigenschaften des Bodens und etwaiger darin befindlicher magnetischer Objekte können mit diesem Verfahren unterschiedliche Messtiefen erreicht werden, die jedoch meist oberflächennah sind (geringer als 1 Meter).

ABB 2 GROOTHUSEN 2N 437X500 1
Das Magnetometer im Einsatz auf der Westerburg in Groothusen. Auf Grund des dichten Bestands von Bäumen war der Satelliten-Empfang auf dem Burghügel gestört. Die Messungen erfolgten daher mit Hilfe ausgelegter Schnüre (Foto: S. Krabath, NIhK).

Da archäologisch relevante Befunde im Boden also nur einen Bruchteil der Feldstärke des Erdmagnetfelds aufweisen und letzteres zudem in seiner Intensität auch innerhalb eines Tages Schwankungen unterworfen ist, verwendet das eingesetzte Gerät eine spezielle Sondenkonfiguration. Bei dieser nehmen die an einem Messwagen vertikal montierten Sonden jeweils zugleich Messwerte nahe des Bodens und ferner des Bodens auf. Aus der Differenz der Messwerte lässt sich die Bodenmagnetisierung ableiten und das Erdmagnetfeld somit weitgehend herausrechnen. Objekte im Boden erzeugen auf Grund ihrer größeren magnetischen Flussdichte im Vergleich zu der idealerweise einheitlichen, geringen Magnetisierung des anstehenden Bodens höhere Messwerte.1 Alle erfassten Werte können mit computergestützten Rechenverfahren in ein räumlich zweidimensionales Messbild umgesetzt werden, in welchem magnetische und magnetisierte Objekte ebenso wie natürliche und durch den Menschen verursachte Befunde als Anomalien erscheinen. Diese können somit räumlich konkret beschrieben werden. Das Verfahren bietet jedoch nur eingeschränkten Aufschluss darüber, aus welchen Materialien sie bestehen, welche exakte Form und Ausrichtung sie haben und in welcher Tiefe sie liegen. Im Boden übereinanderliegende Objekte und Befunde oder solche starker Magnetisierung können sich im Messbild gegenseitig überdecken. Das Verfahren ermöglicht somit einerseits den beschriebenen „Blick in den Boden“, ohne Eingriffe zu verursachen, bedarf jedoch andererseits der bedachten Interpretation des Messbilds, etwa durch Vergleiche mit Objekten bekannter magnetischer Materialeigenschaften oder Messungen der magnetischen Leitfähigkeit des Bodens.

Die geomagnetischen Untersuchungen erfolgten sowohl in Tengshausen als auch in Groothusen mit dem SENSYS Fluxgategradiometer (Magnetometer) des NIhK. Mit fünf in Reihe geschalteten Sonden, montiert auf einem handgeschobenen Messwagen, wurden die ausgewählten Bereiche der Burgplätze systematisch und lückenlos abgelaufen. Teil der technischen Ausstattung des Messwagens ist ein GNSS-Empfänger (umgangssprachlich „GPS“), mit dessen Hilfe die Messungen zentimetergenau Echtzeit-positioniert wurden. Ziel der Untersuchungen ist es gewesen, mit Hilfe der zuvor beschriebenen Methode im Boden erhaltene Reste einer Bebauung und inneren Gliederung der fortifikatorischen Anlagen zu finden. Zu erwartende Befunde umfassten folglich verfüllte Gräben und Gruben sowie Fundkonzentrationen, beispielsweise Backsteine, die auf Mauerzüge und Gebäudefundamente hinweisen können.

Burg Tengshausen

Unmittelbar an der Küste des Wangerlandes nur wenig westlich von Minsen im Landkreis Friesland befindet sich in Tengshausen eine noch knapp ein Meter hoch erhaltene Wurt von etwa 40 x 50 Metern Ausmaß. An diesem Platz, der noch heute von Resten eines ehemaligen Wassergrabens umgeben ist, soll sich im Spätmittelalter ein Häuptlingssitz befunden haben.

Tengshausen bestand ursprünglich aus einer Wurt, die mit zwei Hausmannsstellen bebaut war und sich direkt an einem alten Verbindungsweg zwischen dem Langen Mahn-Weg (Verbindung von Bassens nach Minsen) und dem Norderaltendeich befand. Die nördlich gelegene Hofstelle ist heute unbebaut. Der historischen Überlieferung nach kaufte sie um 1460 der „junge Dure“, der ursprünglich aus Butjadingen stammte. Sein Sohn Garlich Duren (um 1475-1532) gewann politisch schnell Einfluss und stieg bis zu einem der Vormunde des Häuptlings Christoph von Jever (1499-1517) auf. Zu dieser Zeit wurde auch sein Anwesen in Tengshausen ausgebaut und durch eine Graft umgeben. Der Jeverschen Chronik ist zu entnehmen, dass Garlich die Hausstelle mithilfe von Kirchhofsteinen aus Minsen und Jever als festes Haus ausbaute. Wohl um 1520 kam es zwischen ihm und der Familie von Jever zu Unstimmigkeiten. Maria von Jever (1500-1575) vertrieb Garlich und seinen Sohn Dirk wegen Verrats und feindlichem Verhalten und zog seinen Besitz ein.2 Das Steinhaus ist in diesem Zuge sehr wahrscheinlich zerstört und danach nicht wiederaufgebaut worden.

Im Gelände ist heute noch die ovale Wurt umgeben von einem unregelmäßigen, annähernd rechteckigen Graben zu erkennen. Den Angaben der Besitzer nach, war bis in das frühe 20. Jahrhundert neben dem heute noch erhaltenen Grabensystem ein westlicher Graben vorhanden, der dann jedoch zugeschüttet wurde. Die Zuwegung zu der Burganlage erfolgte wohl von Südosten über den sogenannten Burgweg. Dieser Weg ist jedoch größtenteils überackert und ebenfalls nur noch in Resten erhalten. Unmittelbar nördlich des Burghügels verläuft zudem ein mittelalterlicher Deich, der in Teilen heute noch als flacher Geländerücken zu erkennen ist. Die ehemals südliche Hausstelle entspricht dem heute noch immer bestehenden Hof Tengshausen, der seit dem frühen 16. Jahrhundert belegt ist und möglicherweise zur Verwandtschaft der auf der nördlichen Hofstelle ansässigen Familie Duren zählte. Das heutige Gebäude ist erst am Ende des 18. Jahrhunderts erbaut worden. Ein älterer Keller unter dem Haus gehört noch zu einem Vorgängerbau.

ABB 3 TENGSHAUSEN GEOMAGNETIK 01 500X433 1
Geländehöhenkarte von Tengshausen (Farbe) mit darüber gelegtem geomagnetischen Messbild (Graustufen). Deutlich zu erkennen sind die annähernd orthogonal angelegten Gräben sowie einige Anomalien im Zentrum der Anlage, die auf Ziegelschutt oder Vergleichbares weisen (Grafik: T. Becker, NIhK).

Auf Grund der historischen Überlieferung und der Ungestörtheit der nördlichen Hofstelle, die auch frei von Bäumen ist, schien der Burgplatz für geomagnetische Untersuchungen besonders geeignet. Im Sommer 2020 führte das Projektteam daher in Absprache mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und den Eigentümern des Hofs entsprechende Messungen durch. Hierbei wurde die Hofstelle mit ihren rund 6000 Quadratmetern Grundfläche im Innenbereich des Grabensystems, wie es sich heute zeigt, komplett erfasst. Die Auswertung des Messbilds erbrachte Unverhofftes: im Inneren des heutigen Wurtenhügels verbirgt sich offenbar ein rechteckiges Graftensystem mit zwei Verbindungsgräben zu jenen äußeren Gräben, die die Hofstelle umfassend, noch heute erkennbar sind. Die Innenfläche, die jene einstige Graft umschließt, beträgt etwa 40 x 60 Meter. Darin wiederum zeichnet sich mittig, leicht nach Osten versetzt, ein annähernd quadratischer Bereich von rund 22 x 22 Metern ab, der im Messbild als unruhige Anomalie mit kleinteilig erhöhten Messwerten erscheint. Hierbei könnte es sich um eine Ziegelstreuung handeln, wie sie etwa nach der Zerstörung und Schleifung eines Steinhauses im Boden verblieben wäre. Auf Grund der Ausdehnung der Anomalie, die bedeutend größer ist als etwa die Grundfläche des bis heute erhaltenen Turms des Steinhauses von Bunderhee im Landkreis Leer könnte es sich auch um einen weiteren Graben handeln, der mit Backsteinbruch verfüllt ist. Im Süden der Untersuchungsfläche fallen darüber hinaus zwei verwaschene, rechteckige Anomalien mit 13 x 6 und 15 x 8 Metern Grundfläche auf, die auf Grund ihrer geringen, einheitlichen Magnetisierung auf Befunde hinweisen, die nicht mit stärker magnetisiertem Material wie Backsteinen gefüllt sind. Mögliche Interpretationen wären Standflächen von Häusern in Holz-Lehm-Bauweise, die hier in einem kleinen Vorburgbereich abseits des vermuteten Steinhauses im Zentrum der Anlage gestanden haben könnten. Indes scheint die westliche der beiden Anomalien von der im Zentrum leicht geschnitten zu werden, was auf eine zeitliche Tiefe des Befunds hinweist.

ABB 4 TENGSHAUSEN UMZEICHNUNG 02 500X433 1
Umzeichnung der in Geländemodell, historischen Karten und Geomagnetik sichtbaren Befunde bei Tengshausen. Die einstige Burg im Bereich der nördlichen Hofstelle verfügte offenbar über ein mehrteiliges Wall-Grabensystem zum Schutz eines im Zentrum stehenden Steinturmes und einiger Nebengebäude. Das orange dargestellte Gebäude im Süden markiert ein bis heute erhaltenes, historisches Kellergewölbe unter dem Hof Jürgens (Grafik: T. Becker, NIhK).

Bemerkenswert sind die Messergebnisse bei Tengshausen nicht nur, weil sie die beschriebenen Einblicke in die einstige Gliederung der Anlage erbrachten, sondern auch, da die beobachteten Gräben im Inneren des Wurtenhügels verborgen liegen und heute in keiner Weise sichtbar sind. Ein entsprechender Befund zeichnet sich nämlich nicht einmal in hochauflösenden digitalen Geländemodellen ab, mit deren Hilfe topografische Feinheiten des Geländereliefs sichtbar gemacht werden können, die dem menschlichen Auge im Gelände verborgen bleiben.

Westerburg Groothusen

Im Ort Groothusen, Landkreis Aurich, in der Krummhörn befanden sich im Spätmittelalter gleich drei Burgen, die wohl durch die Trennung der im 13. Jahrhundert führenden Familie Groothusens in zwei Linien benötigt wurden. Der Ort Groothusen war im Mittelalter durch einen Priel und die heute verlandete Bucht von Sielmönken direkt mit der Nordsee verbunden. Während die Osterburg und die Mittelburg auf der Dorfwurt lagen, befand sich die Westerburg im Westen der Dorfwurt von Groothusen vorgelagert. Im Gelände sind noch die enormen Ausmaße der Burg und eine doppelte Grabenanlage zu erkennen. Ein dritter, dazwischenliegender Graben ist heute zugeschüttet.3 Das ehemalige Steinhaus stand auf einer ca. 50 x 50 Meter großen und leicht erhöhten Insel im Zentrum der Anlage.

Die Westerburg ist eine der drei Burgen der Familie Tiadekana und Beninga in Groothusen. Der Größe nach muss die Westerburg der Stammsitz der Familie Beninga im Ort gewesen sein. Im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts ist Redwart Haitetsna oder Beninga als Häuptling in Groothusen überliefert. Sein Sohn Haitat musste 1435 nach der Schlacht bei Bargerbur als Verbündeter des Häuptlings Imel von Osterhusen fliehen. Seine Burg wurde daraufhin von den Cirksena und den Hamburgern erobert und geschleift. Nachdem er sich wenige Jahre später wieder mit der nun führenden Häuptlingsfamilie Cirksena ausgesöhnt hatte, erhielt er seine Besitzungen wieder zurück.4 Redward II. Haitadisna Beninga erbaute die Westerburg 1452 neu und war zudem Besitzer der Mittelburg. Seine Tochter Tiada kam später in den Besitz aller drei Burgen in Groothusen. Laut einem Erbteilungsvertrag von 1565 hatte der letzte Bau einen „großen Saal“ sowie ein „Salet“ mit goldenen Ledertapeten, einem runden Turm an der Südwestecke und eine Kapelle an der Westseite.5 Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Burg in Teilen vorhanden. Bei Bodenarbeiten in den letzten Jahrzehnten stieß man im Bereich der Hauptburg immer wieder auf alte Mauerreste, Backsteinschutt, glasierte Keramikscherben und Bodenfliesen des 15. bis 16. Jahrhunderts. Auch im inneren Wassergraben sind noch immer Reste von Backsteinbruch und Keramik vorhanden.

ABB 5 GROOTHUSEN WESTERBURG GEOMAGNETIK 01 N 500X433 1
Geländehöhenkarte der Westerburg in Groothusen (Farbe) mit darüber gelegtem geomagnetischen Messbild (Graustufen). Besonders interessant sind die linearen, parallel verlaufenden Anomalien im Westen des Messbilds. Sie weisen vermutlich auf eine einstige, komplexe Wall-Grabenkonstruktion in diesem Bereich (Grafik: T. Becker, NIhK).

Die markante, große Burganlage erschien auf Grund der Komplexität ihres Aufbaus und der großen Wiesenflächen zwischen den erhaltenen Wassergräben vielversprechend für geomagnetische Untersuchungen. Hinzu kam, dass der einstige dritte, heute verfüllte Grabenring in einem hochauflösenden Geländemodell des Landesamts für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen, welches auf LiDAR-Daten beruht, sichtbar gemacht werden konnte. Die Bebauung des 19. Jahrhunderts konnte zudem aus einer historischen Gemarkungskarte von 1874 abgeleitet werden, in welcher auf dem Burghügel im Zentrum der Anlage noch ein Gebäude von rund 20 x 8 Metern Grundfläche verzeichnet ist.

Im Frühjahr 2021 untersuchten die Mitarbeiter des Projekts daher die Westerburg bei Groothusen geomagnetisch. In Absprache mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Eigentümer der Burg, wurden an zwei Geländetagen rund 12.000 Quadratmeter Wiesenfläche sowie der zentrale Burghügel mit dem Messgerät begangen und untersucht. Das Messbild erbrachte wiederum eine Vielzahl an Anomalien und einige Hinweise zum Aufbau der Burg, die weder in historischen Quellen noch in der heutigen Gestalt der Anlage überliefert sind. Deutlich sichtbar ist zunächst der mittlere, verfüllte Graben, der auch im Geländemodell sichtbar wird. Er scheint verfüllt mit einer großen Menge stark magnetisierten Materials, bei dem es sich um Ziegelschutt und Vergleichbares handeln könnte. Sichtbar ist der Graben sowohl in der südlichen als auch auf der westlichen Wiesenfläche. Im Norden scheint die Burg hingegen nur zwei parallele Gräben besessen zu haben. Im Nordwesten weist eine 35 m lange, gerade Anomalie auf einen schmalen, ost-westlich verlaufenden Graben. Auf der südlichen Fläche sind zwei weitere Anomalien zu fassen: Ein gerader, sehr stark magnetisierter Befund am südlichen Rand der Wiese wird durch eine moderne Leitung verursacht, die dort parallel zur Van-Wingene Straße verläuft. In der Nordostecke der Wiese zeigt sich hingegen ein kleinteilig, unruhig magnetisierter Bereich. Auf der bereits erwähnten historischen Gemarkungskarte ist hier ein kleines Gebäude eingezeichnet, welches nach örtlicher Auskunft im 20. Jahrhundert abgerissen worden ist. Wahrscheinlich erfassten die Messungen daher an dieser Stelle im Boden verbliebenen Ziegelschutt.

ABB 6 GROOTHUSEN WESTERBURG UMZEICHNUNG 02 500X433 1
Umzeichnung der in Geländemodell, historischen Karten und Geomagnetik sichtbaren Befunde auf der Westerburg. Erhalten sind heute nur der innere und äußere Graben. Die Untersuchungen konnten einen heute verfüllten, dritten Graben lokalisieren. Auch die Position des Steinhauses auf der zentralen Burginsel konnte ermittelt werden (Grafik: T. Becker, NIhK).

Archäologisch besonders spannend erscheinen mehrere schmale, parallel verlaufende Befunde auf der westlichen Wiese. Sie erscheinen als bis zu sechs längliche, zwischen 12 und 60 Meter lange Anomalien im Bereich einer westlichen Vorburginsel, die hier einst existiert haben muss, als der dritte Graben, der mittig durch die Wiese läuft, noch offen war. Ob ihr Charakter mauer- oder grabenartiger Struktur ist, ist bislang ungeklärt. Zu vermuten ist, dass sie Teil der einstigen Fortifikation der Burg waren, etwa in der Funktion eines Burgwalls.

Die vielen, hohen Ausschläge der Messwerte im Bereich der zentralen Burginsel weisen indes darauf hin, dass hier noch eine große Menge Abbruchschutt im Boden ruht. Konkret zu fassen ist hierbei der kleinteilig magnetisierte, durchmischt wirkende Bereich direkt östlich des Zentrums der Fläche. Dieser ist deckungsgleich mit dem in der Gemarkungskarte eingezeichneten Gebäude. Es liegt daher nahe die Anomalie durch Backsteinlagen und –Bruch zu erklären, die auf ein einstiges Steinhaus weisen.

Die Untersuchungen auf den Burgstellen der Friesischen Halbinsel werden fortgesetzt. Im Rahmen einer Dissertationsschrift und einem Bildband zum ostfriesischen Burgenbau sollten die Ergebnisse der interdisziplinären Forschungen in zwei Jahren publiziert werden. Die Autoren dieses Beitrags bedanken sich bei allen Beteiligten für Ihre große Unterstützung, ohne die die hiesigen Untersuchungen nicht möglich gewesen wären. Zu nennen sind die Herren Helmuth Dirks, Eildert Buizinga und Walter de Beer in Groothusen sowie Dr. Dr. Jan Jürgens in Würzburg und Jens Keilmann (LGLN) in Aurich.

Literatur

Arends 1824: Fridrich Arends, Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes (Emden 1824, Nachdruck Leer 1972).
van Lengen 1973: Hajo van Lengen, Geschichte des Emsigerlandes vom frühen 13. bis zum 15. Jahrhundert. Teil I, Text. Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 53 (Aurich 1973).
Neubauer 2001: Wolfgang Neubauer, Magnetische Prospektion in der Archäologie. Mitteilungen der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 44 (Wien 2001).
Salomon 2007: Almut Salomon, Tengshausen und seine Besitzer vom 16. bis zum 18. Jahrhunderts. Der Historienkalender 170, auf das Jahr 2007, S. 104–112.

Autoren

Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung, Viktoriastraße 26/28, 26382 Wilhelmshaven
Thorsten Becker, M.A. (Thorsten.Becker@nihk.de); Dirk Dallaserra (Dallaserra@nihk.de); Emma Hadré, B.A. (ehadre@uni-bremen.de); Dr. phil. Kirsten Hüser (Kirsten.Hueser@nihk.de); Dr. phil. Stefan Krabath (Krabath@nihk.de )

(Red.: MH)

3450C74266A9CBAF4086C8FE6ACBCF82

Stefan Krabath

Stefan Krabath ist Archäologe mit dem Schwerpunkt Mittelalterarchäologie und Archäologie der Neuzeit. Seit 2017 arbeitet er am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven.

More PostsWebsite

  1. Für eine genaue Beschreibung der Methode und physikalischen Prinzipien siehe zum Beispiel Neubauer 2001. []
  2. Salomon 2007, 105-107. []
  3. Van Lengen 1973, 167-168. []
  4. Arends 1824, 346. []
  5. Van Lengen 1973, 167. []

Quelle: https://ostfrhist.hypotheses.org/246

Der flach abfallende und familienfreundliche Sandstrand in Harlesiel bietet viel Platz und Möglichkeiten die gesunde Nordseeluft direkt am Weltnaturerbe Wattenmeer zu genießen.Windgeschützt die Sonne genießen, ein gutes Buch lesen oder einfach dem Geschrei der Möwen zuhören. Strandkörbe gehören einfach zur

Jetzt anmelden und 5 € Rabatt sichern!

Mit unserem Newsletter bist Du immer top-aktuell informiert. Du bekommst Infos zu neuen Partnern, attraktiven Sonderaktionen und neuen Beiträgen in unserem Heimatliebe-Blog aus erster Hand.

Du erhältst nach Registrierung eine e-Mail mit dem Gutscheincode. Diesen kannst Du bei Deiner nächsten Bestellung einer OSTFRIESLANDCARD einsetzen. Er ist jedoch nicht mit anderen Aktionen kombinierbar.
By creating an account you are accepting our Terms & Conditions