Sehnsucht nach der Nordsee
An so manchem hektischen typischen Alltagstag helfen einem oft kleine Gedankenreisen an einen Sehnsuchtsort. Ich stehe dann zum Beispiel in meiner Phantasie mit nackten Füßen im weichen Sand, höre das Kreischen der Möwen und die Brandung der Wellen und bilde mir fast ein, ich hätte einen salzigen Geschmack auf den Lippen.
Ein sehr guter Platz für eine träumerische – aber natürlich auch für eine reelle – Reise ist Spiekeroog. Das Eiland gehört zu den sieben ostfriesischen Inseln im niedersächsischen Wattenmeer, liegt zwischen Wangerooge (darüber ging es ja in meinem letzten Artikel) und Langeoog und wird auch „die Leise“ genannt.
Denn Spiekeroog ist nicht nur autofrei – selbst Fahrräder sind auf der Insel nicht gerne gesehen. Man setzt hier verstärkt auf Langsamkeit und eine bewusste Fortbewegung zu Fuß. Das beginnt bereits mit der Anreise, denn die Insel lässt sich lediglich mit einer tideabhängigen Fähre, die zwischen ihrem Hafen und Neuharlingersiel meist nur einmal am Tag hin- und herfährt, erreichen. Einen eigenen Flugplatz besitzt Spiekeroog als einzige der bewohnten Ostfriesischen Inseln nicht. Hat man die Insel erreicht, dann kann man sich auf den nördlichsten Punkt Ostfrieslands stellen – nämlich unter den Koordinaten 53°46’56“ N. Ich bräuchte um die genaue Stelle zu finden wahrscheinlich neben einem Kompass auch jemanden, der sich damit auskennt…
Geschichtliches
Der Name „Spiekeroog“ taucht 1398 erstmals urkundlich auf, demnach trägt die Insel ihren Namen bereits seit dem Spätmittelalter. Zur Herkunft des Insel- und Ortsnamens gibt es mehrere Hypothesen, von denen noch keine bewiesen ist. Ich persönlich mag es ja, wenn die Geschichte einige kleine Geheimnisse bewahren kann.
Eindeutig ist lediglich der zweite Teil des Wortes: bei „Oog“ handelt es sich um einen niederdeutschen Begriff für Insel. Der erste Namensteil entspricht hingegen sowohl dem niederdeutschen Wort für Speicher als auch dem für Nagel. Für den Speicher spricht die These, dass früher wohl Seeräuber die Insel als Art Lager benutzten – an den Nagel kann man eher glauben, wenn man sich die längliche Inselform Spiekeroogs anschaut. Allerdings war die Insel vor 300 Jahren noch deutlich kleiner. Erst durch die Verschmelzung mit den Inseln Lütjeoog und Oldeoog sowie das Eindeichen und Trockenlegen der Harlebucht erhielt sie die heutige Form und Größe.
Im 15. Jahrhundert taucht der Name der Insel erneut in einer Urkunde auf – und zwar aus einem räuberischen Grund: es handelt sich um eine Klage des damaligen Häuptlings des Eilandes, dass die ihm feindlich gesinnten Stammesoberhäupter des Jeverlandes auf der Insel eingefallen seien und den Bewohnern 100 Schafe gestohlen hätten.
Die darauffolgenden Jahrhunderte verliefen für die an zwei Händen ab zuzählenden Familien Spiekeroogs, die ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Landwirtschaft, Fisch- und Walfang bestritten, dagegen eher friedlich.
Im November 1854 geschah allerdings vor dem Spiekerooger Strand ein schreckliches Unglück. Aufgrund eines heftigen Sturms strandete die Bark Johanne mit über 270 Passagieren, überwiegend Auswanderer in die USA, und Besatzungsmitgliedern vor der Insel und kenterte. Die Insulaner mussten dem Geschehen hilflos zusehen, da sie kein geeignetes Rettungsboot zur Hand hatten. 77 Menschen ertranken in der eisigen Nordsee oder wurden durch herabstürzende Masten erschlagen. Ihre Gräber findet man auf dem „Friedhof der Ertrunkenen“ = Drinkeldodenkarkhoff am heutigen Ostrand des Dorfes. Erst bei Niedrigwasser konnten die Überlebenden gerettet und von den selbst armen Bewohnern der Insel liebevoll versorgt werden. Die Schiffsglocke der Johanne kann man im Spiekerooger Inselmuseum besichtigen. Dies ist in einem alten Kapitänshaus neben dem Rathaus untergebracht. Und man erfährt hier mit sehr viel Liebe zum Detail ganz viel über die Natur und die Geschichte der Insel.
Bilderquelle: www.spiekeroog.de und eigene
Spiekeroog heute
Die Insel ist eine der kleinsten selbstständigen Kommunen Niedersachsens. Der Gemeinde stehen insgesamt neun Ratssitze zu, acht davon werden gewählt und einer gehört dem Bürgermeister (seit 2021 ist dies Patrick Kösters). Diese wenigen Personen vertreten die Interessen der etwa 850 Insulaner. Als Kommune müssen Kindergarten mit Krippe, Grund- und Oberschule sowie die freiwillige Feuerwehr unterhalten werden.
Spiekeroog gilt als die ursprünglichste und urigste Insel unter den „Ostfriesen“, was hauptsächlich an dem historischen Dorf liegt. In den kleinen Straßen und Gassen, die von vielen Bäumen, schönen Cafés und kleinen Geschäften umgeben sind, findet man hauptsächlich grün-weiße Friesenhäuser, oft mit kunstvoll verglasten Veranden und Vorgärten, in denen es viel zu entdecken gibt. Selbst Banken oder Lebensmittelgeschäfte sind in alten Gebäuden eingefügt, um das einheitliche Bild zu erhalten. Mittelpunkt des Dorfes ist die 1696 erbaute evangelische Kirche, die ein markantes Bootsdach aufweist. Praktischer Hintergrund: bei einer Sturmflut könnte das Dach der Kirche den Bewohnern wie eine Arche als Schutz dienen.
Zum wunderschönen, naturbelassenen Hauptbadestrand führen mehrere Wege durch die Dünen. Da man dafür bestimmt 15 Minuten durch die sandigen Wege gehen muss, ist mein Tipp, sich vorher eine gute Einpackliste für einen langen Strandtag zu machen. Denn ich stelle es mir echt ärgerlich vor, wenn man angekommen dann feststellen muss, dass Wasserflasche, Sonnencreme oder Lieblingsbuch noch in der Ferienwohnung liegen – und nichts gesagt haben…!
Lauffaule – aber auch alle, die von dem Betreiber nette Anekdoten über seine Heimat hören und in schönem Tempo über die Insel befördert werden möchten – können die Museumspferdebahn nutzen. Diese ist die einzige ihrer Art in ganz Europa und fährt in der Hauptsaison mehrmals täglich. Allerdings sollte man vorab reservieren, da die Mitfahrt sehr beliebt ist.
Absolut lohnenswert ist außerdem ein Besuch im Kuriosen Muschelmuseum (im Haus des Gastes). Hier findet man mehr als 4000 Muscheln und Seeschnecken aus aller Welt, zum Beispiel aus dem Mittelmeer, aus Indien, Indonesien, Mexiko, Neuseeland, Thailand und natürlich aus der Nord- und Ostsee. Wissenschaftliche Bezeichnungen sucht man dabei vergebens – stattdessen haben die Ausstellungsstücke Namen nach ihrem Aussehen erhalten und heißen beispielsweise „Kaffeebohne“, „Giraffe“ oder „Eiszapfen“. Besonders Spaß macht es, die paar Scherzartikel in den Vitrinen zu suchen. Ansonsten ist jedes Exponat genau so von den Tieren, die darin mal gelebt haben, gebaut worden.
Spiekeroog ist wirklich eine Trauminsel, an die man sein Herz sehr schnell verlieren kann und auf die man gerne – eben auch gedanklich – zurückkehrt.
Unser Tipp:
Im Sommer 2021 wurde Spiekeroog von der International Dark-Sky Association offiziell als „Sterneninsel“ anerkannt. Hierfür musste sich die Gemeinde dazu verpflichten, die künstliche Beleuchtung in der Nachtlandschaft deutlich einzuschränken, was dazu geführt hat, dass Spiekeroog nun nachts zu einem der dunkelsten Orte Deutschlands gehört. Das bedeutet, dass man hier den Sternenhimmel besonders gut sehen und bewundern kann.

Uta – ursprünglich eine jecke Niederrheinerin – ist auf der Nordseeinsel Juist entstanden, wo sie auch 16 Jahre lang gelebt hat. Sie bloggt also über ihre zweite Heimat Ostfriesland – und daneben auf Don´t forget to Hüpf.
Spiekeroog – die Sterneninsel
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